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Umgang mit sexueller Identität in der Schule: Landtagsbeschluss von 2014 wird umgesetzt

Arbeitskreis Queer

Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt mit dem Anspruch, alle Kinder und Jugendlichen mit ihrer Individualität anzunehmen und ihre Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen.

26.04.2021

Am 15. Dezember 2014 wurde deshalb vom Niedersächsischen Landtag beschlossen, dass Schule auch der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten gerecht werden muss. Im August 2017 gab es dann vom Niedersächsischen Kultusministerium erste Bestrebungen, eine Arbeitsgemeinschaft einzurichten, um ein Fortbildungskonzept für das Thema „Umgang mit Diversität von geschlechtlichen und sexuellen Identitäten“ zu erarbeiten. Dazu wurden auch Universitäten und queere Institutionen angefragt. Aufgrund eines personellen Wechsels im Niedersächsischen Kultusministerium wurde diese Arbeitsgruppe leider erst mit einer zeitlichen Verzögerung konzeptionell tätig.

Modellprojekt

Die Akademie Waldschlösschen führt schon seit 2017 aus Bundesmitteln finanzierte Lehrkräftefortbildungen durch, bis 2019 im Rahmen des Modellprojekts „Akzeptanz für Vielfalt“, seit diesem Jahr innerhalb des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“. Die Referent*innen werden inzwischen auch von anderen Bundesländern angefragt. Nun endlich – fast sieben Jahre nach dem Beschluss des Niedersächsischen Landtags – liegt seit September 2020 auch ein Entwurf für ein Rahmenkonzept zur Lehrkräftefortbildung „Geschlechtergerechte Arbeit und sensibler Umgang mit sexueller Identität in der Schule“ vor, das vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) im Auftrag des Niedersächsischen Kultusministeriums erstellt wurde. Der Arbeitskreis Queer begrüßt diese Entwicklung sehr und freut sich, dass nun auch intensiv von Seiten des Landes Niedersachsen an dieser Thematik gearbeitet wird und es voran geht.

Wahrung der Menschenrechte

Warum sollte das Themengebiet geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Identitäten überhaupt in Schulen und Kitas eine Rolle spielen? Hier geht es schlicht um die Wahrung der Menschenrechte. Schule und andere Bildungskontexte sind keine geschlechtsneutralen Räume, sie können nicht losgelöst von Gesellschaft betrachtet werden. Auch im Schulalltag und im Unterricht finden Diskriminierungen gegen LSBTIQ*- Schüler*innen und Lehrer*innen statt. Um Homo-, Trans- und Inter*feindlichkeit in der Schule abzubauen, muss Vielfalt sichtbar und selbstverständlicher werden. Es gibt auch weitere rechtliche Gründe: Seit dem 1. November 2013 können Kinder ohne einen Geschlechtseintrag in das Geburtenregister eingetragen werden. Seit 2018 bietet der Geschlechtseintrag „divers“ in Deutschland eine weitere rechtliche Option für intergeschlechtliche Kinder. Deshalb muss auch in den Schulen die Umsetzung dieser Vorgaben verbindlich erfolgen! Gesetzesänderung in Arbeit Des Weiteren sind aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen: Im Januar diesen Jahres fand im Rechtsausschuss des Bundestages eine Anhörung zur Drucksache 19/24686 „Entwurf eines Gesetzes zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ statt. Es ist davon auszugehen, dass dieses Gesetz noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden wird und damit der bis heute verbreiteten Praxis ein Ende setzt, intergeschlechtliche Kinder, deren Körper nicht in unsere zweigeschlechtlichen Normen passen, bereits im zum Teil sehr frühen Kindesalter an den Genitalien zu operieren oder ihnen Geschlechtsorgane oder Keimdrüsen zu entnehmen. Im Zusammenhang mit dem Gesetzentwurf wird immer wieder von verschiedenen Expert*innen aus Medizin, Psychologie und Politik darauf hingewiesen, dass Eltern bis heute genitalverändernde Operationen an ihren Kindern vornehmen lassen, damit diese im Kindergarten und in der Schule nicht ausgegrenzt werden. Dieser Argumentationsansatz ist eigentlich ungeheuerlich, da das bedeutet, dass man ein gesellschaftliches Problem und die Ängste von Eltern mit Operationen an Kleinkindern behandeln möchte. Lehrkräfte sind aufgefordert, in den Schulen auch die Inklusion von intergeschlechtlichen Kindern zu fordern und zu fördern.

Schwierige Situation

Intergeschlechtliche Kinder befinden sich in der Schule in einer insofern schwierigen Situation, als ihnen im Unterricht, vor allem im Sexualkundeunterricht, aber auch in Texten anderer Fächer, in Spielen („Jungen gegen Mädchen“), in Anreden (liebe Schülerinnen und Schüler) durch Umkleidekabinen und Toiletten und so weiter eine zweigeschlechtliche Ordnung vermittelt wird, in die sie aufgrund ihrer Körperlichkeit nicht (oder nicht vollständig) hineinpassen. Das ist zunächst einmal unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität, denn nicht alle intergeschlechtlichen Kinder definieren sich als „divers“. Aber auch Kinder, die sich mit ihrer Identität an die gesellschaftlich verbreitete Zweigeschlechternorm anpassen, erleben im Unterricht Aussagen über weibliche und männliche Körper, die sie auf sich selbst nicht oder nur teilweise anwenden können. Wenn im Unterricht verschwiegen wird, dass es auch Mädchen mit Hoden oder Jungen mit einer Gebärmutter geben kann, so vermittelt dies den Kindern das Gefühl, „nicht richtig“, „abartig“, „nicht normal“… zu sein. Kommt dazu von den Elternhäusern ein Schweigen und ein Schweigegebot für die Kinder, so ist es diesen fast unmöglich, eine stabile geschlechtliche Identität zu entwickeln. Die Persönlichkeit eines Menschen wird auch von der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität bestimmt. Um LSBTIQ*- Schüler*innen und Lehrer*innen zu unterstützen, sind also mehr Geschlechtergerechtigkeit und ein gendersensibler Umgang mit Kindern und Jugendlichen an den Schulen gefordert!

Ursula Rosen und Monika Brinker für den Arbeitskreis Queer der GEW Niedersachsen

Der AK Queer der GEW Niedersachsen ist eine offene Gruppe.

Wer Fragen hat, Termine für die nächsten Veranstaltungen erfahren oder inhaltlich mitarbeiten will, erreicht den AK Queer über Roland Müller rolamueller(at)gmx(dot)de oder Monika Brinker MBrinker(at)gmx(dot)de oder den AK Queer Weser-Ems unter info(at)gewweserems(dot)de.

Zudem gibt es das Angebot von offenen Stammtischen: In Braunschweig: jeden 2. Freitag der ungeraden Monate ab 18:30 Uhr im Onkel Emma In Göttingen: Kontakt: QueerTeachers@gmx.de In Hannover: Kontakt: rolamueller(at)gmx(dot)de oder MBrinker(at)gmx(dot)de Herzlich willkommen! Bei konkreten Fragen zum Thema Inter* kann der Verein Intersexuelle Menschen e.V. unter Ursula Rosen (zweiter.vorsitzender(at)im-ev(dot)de) angesprochen werden.