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Kampf für gleiche Bezahlung

Therapeut*innen an Förderschulen

26.04.2021

Therapeut*innen an Förderschulen sind ein wichtiger Qualitätsstandard in Niedersachsen – unverzichtbar und ausbaufähig. Sie ergänzen und stärken die ganzheitliche Förderung durch ihren anderen Blickwinkel. Im multiprofessionellen Team arbeiten sie auf Augenhöhe mit den pädagogischen Fachkräften in unterrichtsbegleitender Funktion. Beim Arbeitgeber, dem Land Niedersachsen, verlieren die Therapeut*innen seit einigen Jahren an Wertschätzung gegenüber ihren Kolleg*innen in unterrichtsbegleitender Funktion. Das zeigt sich finanziell, denn früher erhielten beide Professionen die gleiche Bezahlung. Das kann so nicht weitergehen!

Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung oder körperliche und motorische Entwicklung zeichnen sich durch die Arbeit im multiprofessionellen Team aus. In jeder Klasse arbeiten dort eine Lehrkraft und eine sozialpädagogische Fachkraft in unterrichtsbegleiten Kampf für gleiche Bezahlung Therapeut*innen an Förderschulen der Funktion (meist Erzieher*innen oder Heilerziehungspfleger*innen). Zusätzlich dazu arbeiten in Niedersachsen Therapeut*innen unterrichtsimmanent, in Einzel- oder Kleingruppenförderung. Ziel aller an der Schule Beschäftigten ist es, jedem/r Schüler*in größtmögliche Selbstständigkeit und Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Die Therapeut*innen helfen, dafür zu sorgen, dass alle Schüler*innen den gesamten Schultag teilhaben können. Ein besonderer Vorteil ist hier, dass sie die Schüler*innen im gesamten Verlauf des Schultages und oft auch über viele Jahre ihres Schulbesuches hinweg kennen lernen, sie unterstützen und begleiten können. Dies ist nur möglich, weil sie nicht auf Rezept arbeiten, sondern beim Land Niedersachsen beschäftigt sind. Unterrichtsinhalte werden in die therapeutische Förderung aufgenommen. Hierzu zählen auch pädagogische Inhalte wie beispielsweise Regeln einhalten, das Sozialverhalten oder das Selbstwertgefühl verbessern. Ebenso werden umgekehrt therapeutisch angestrebte Ziele im Klassenkontext weiterverfolgt. So arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen, in sämtlichen die Schüler*innen betreffenden Aspekten, Hand in Hand. Der Kontakt und die gute Zusammenarbeit mit den Eltern, den Schulärzt*innen, den Kinderärzt*innen, dem Sozialpädiatrischen Zentrum, den Kinderorthopäd*innen, den Orthopädietechniker*innen und so weiter ist ein wichtiger Bestandteil der therapeutischen Arbeit. Die Therapeut*innen führen selbstständig und eigenverantwortlich geplante Förderungen von Einzelpersonen oder Kleingruppen durch. Sie erstellen Therapiepläne, schreiben Berichte und arbeiten an den individuellen Förderplänen der Schüler*innen mit. Außerdem beraten und unterstütze sie die Kolleg*innen, die Schulassistent*innen sowie die Eltern im Hinblick auf die verschiedensten Hilfsmittel. Hierbei handelt es sich unter anderem um Rollstühle, Orthesen oder Walker sowie einfache und komplexe Hilfen zur unterstützten Kommunikation. Auch die Beratung über Sitzpositionen, die Stifthaltung, die Lichtsituation, das Essbesteck und so weiter gehören zum Fachgebiet. Mit selbst angefertigten Hilfsmitteln tragen sie zu kreativen Lösungen bestehender Probleme bei. Für die Arbeit mit Schüler*innen aus verschiedenen Klassen und die damit einhergehende Zusammenarbeit mit vielen Klassenteams ist ein hohes Maß an Kommunikation gefordert. Die Therapeut*innen üben wie die sozialpädagogischen Fachkräfte überwiegend besonders schwierige Tätigkeiten aus. Sie arbeiten eigenverantwortlich, haben sich teilweise auf eigene Kosten weiterqualifiziert und sind gut ausgebildet. Bis vor wenigen Jahren waren sie eine Berufsgruppe mit den sozialpädagogischen Fachkräften (pädagogische Mitarbeiter*innen in unterrichtsbegleitender oder therapeutischer Funktion) und waren im gleichen Tarif eingestuft. Im Rahmen der letzten beiden Tarifrunden hat sich nun für die pädagogischen Fachkräfte in unterrichtsbegleitender Funktion erfreulicherweise eine finanzielle Aufwertung ergeben – durch die Überleitung in den neuen SuE-Tarif (Sozial- und Erziehungsdienst). Dabei blieben aber die Therapeut*innen außen vor, da sie tarifrechtlich der Gruppe der Gesundheitsberufe zugeordnet sind und aus dem pädagogischen Bereich ausklammert werden.

Wie notwendig und gar nicht anders möglich aber eine pädagogisch therapeutische Arbeit ist, wird nicht gesehen. Aus den Tarifentwicklungen 2017 und 2019 sind genaue Erklärungen zu den Gehaltsentwicklungen im Kasten zur Geschichte der Tarifrunden zu finden. So viel vorab: Therapeut*innen mit langjähriger Berufserfahrung verdienen in den höheren Stufen plötzlich bis zu 500 Euro brutto monatlich weniger als die sozialpädagogischen Kolleg*innen. Insgesamt hat sich an der Arbeit nichts verändert, beide Berufsgruppen sind hochqualifiziert und arbeiten in ihren jeweiligen Fachbereichen auf Augenhöhe. Es ist deshalb nicht hinnehmbar, dass Therapeut*innen in dieser Form herabgesetzt und gegenüber den pädagogischen Fachkräften schlechter gestellt werden. Für ein dauerhaft stabiles Arbeitsklima ist es dringend erforderlich, dass diese Arbeit auf Augenhöhe erhalten bleibt, insbesondere auch durch eine gleichwertige Bezahlung! Deshalb fordern die Therapeut*innen zunächst zeitnah eine dauerhafte Zulage, die sich an dem SuE-Tarif orientiert. In diesem Zusammenhang hat sich vor einem Jahr eine Arbeitsgruppe von Therapeut*innen mit der GEW gebildet, die sich für dieses Thema einsetzt. Im Oktober 2020 ist einiges ins Rollen gekommen. Eine Abordnung der Arbeitsgruppe hat sich mit dem Arbeitskreis Kultus der SPD getroffen und der Kontakt zu den bildungspolitischen Sprecherinnen von der CDU und den Grünen wurde aufgenommen sowie auch die FDP angeschrieben. Es wird eine gemeinsame Lösung mit Hamburg angestrebt, dem einzigen Bundesland mit einer vergleichbaren Situation wie Niedersachsen. Vor diesem Hintergrund laufen Gespräche und ein gemeinsames Fachtherapeut*innen-Treffen ist in Vorbereitung, zu dem auch die bildungspolitischen Sprecher*innen der oben genannten Parteien eingeladen werden sollen. In Niedersachsen gibt es rund 330 Therapeut*innen im Landesdienst, derzeit eine vergleichsweise kleine Gruppe. Im Hinblick auf die Zukunft ist eine pädagogisch therapeutische Zusammenarbeit aber nicht mehr wegzudenken und es wäre wünschenswert, sie noch zu erweitern. Von Kolleg*innen, die inzwischen inklusiv tätig sind und die Zusammenarbeit mit Therapeut*innen an Förderschulen gewohnt sind, ist immer wieder zu hören, dass sie die Unterstützung und Beratung durch die Therapeut*innen schmerzlich vermissen. Der Bedarf an pädagogisch therapeutischer Unterstützung, wie sie in Förderschulen möglich ist, besteht ohne Frage ebenfalls an Regelschulen

Beispiel aus der pädagogisch therapeutischen Arbeit im Bezug zum Förderziel

Die Klasse hat Deutschunterricht. Die Schüler*innen sollen einen Text lesen und darin verborgene Aufgaben zu einer Zeichnung lösen. Beispielsweise liest ein Schüler: „Das Mädchen auf dem Stuhl trägt einen roten Pullover.“ und malt daraufhin in der Zeichnung den Pullover rot an. Zur Klasse gehört auch ein mehrfachbehinderter Schüler im Rollstuhl, der nicht sprechen kann. In der therapeutischen Arbeit hat der Schüler gelernt, mit der Faust eine am Rollstuhltisch befestigte Taste zur Kommunikation anzusteuern. Außerdem kann er inzwischen seinen Kopf zu einer Seite drehen und damit eine an der Kopfstütze befestigte Taste mit dem Kinn auslösen. Auf beide Tasten können von dem/r Therapeuten/in oder weiteren Personen Worte oder Sätze gesprochen werden. In der pädagogischen Situation im Klassenunterricht kann der Schüler nun durch die Ansteuerung der richtigen Taste den Pullover in rot oder in blau ausmalen lassen. Durch das leichte Besprechen der Tasten lässt sich dieses Vorgehen auf alle weiteren Aufgaben im Text anwenden und sowohl die therapeutische als auch die pädagogische Fachkraft sowie die Lehrkraft können sehen, ob der Schüler die Aufgabe verstanden und sinnentnehmend gehört hat.