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Qualität der Ganztagsschule verbessern

GEW-Sportkommission zu Ganztag

Die Ganztagsschule (GTS) gewinnt immer mehr an Bedeutung, die Zahl der Schüler*innen, die am Ganztagsangebot in Niedersachsen teilnehmen, beträgt bereits rund 40 Prozent an Grundschulen und rund 70 Prozent in der SEK I. Aber es gibt

vor allem in offenen Ganztagsschulen oft nur eine unzureichende Betreuung durch häufig wechselnde Personen1, pädagogische Konzepte sind nicht immer die Regel (vgl. E&W Bund 1/21, S.12).

27.04.2021

Um den Ganztag qualitativ zu verbessern, braucht es ausreichende personelle Ressourcen: Lehrkräfte – die fehlen aber zunächst einmal auch für den Unterricht – sowie unterschiedliche Pädagogische Fachkräfte. Auch hier herrscht ein Fachkräftemangel. Es wird also nicht einfach werden, neues Personal für den Ganztag zu gewinnen und dabei prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu vermeiden.

Folgen der Corona-Beschränkungen

Laut COPSY-Studie2 (Corona und Psyche, Februar 2021) leiden Kinder und Jugendliche psychisch stark unter der Corona-Pandemie. Ihnen fehlen die Gemeinschaft Gleichaltriger und der schulische Lebensrhythmus. Das Gesundheitsverhalten hat sich weiter verschlechtert, sie ernähren sich ungesund und zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie machen überhaupt keinen Sport mehr. Gerade jetzt sind daher die Fächer, in denen es um Bewegung, Gesundheit, Kreativität und Hoffnung geht, besonders wichtig. Die im 10-Punkte-Plan des Kultusministeriums vorgesehene Möglichkeit, die Stundentafel in den Jahrgängen 5 bis 8 (zugunsten der „Hauptfächer“) zu flexibilisieren, ist deshalb zu kritisieren. Die Folgen des Bewegungsmangels hat der Kinder- und Jugendsportbericht3 (4. DKJSB, Oktober 2020) ausführlich beschrieben (E&W Niedersachsen 1-21, S. 12):

• 80 Prozent der Jugendlichen erfüllen die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 60 Minuten pro Tag nicht.

• Bewegungsmangel hat Auswirkungen auf die motorische Leistungsfähigkeit, die deutlich gesunken ist.

• Kinder und Jugendliche benutzen immer mehr digitale Medien, das damit verbundene Sitzen ist problematisch.

• Sport und Bewegung wirken positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit.

Empfehlungen des 4. DKJSB

• Bewegungsanreize im Alltag ausbauen: Bewegungsumwelt attraktiver gestalten; gut organisierte Sportprogramme vermehrt anbieten; Sportanlagen für alle zugänglich machen; Wege zu Schulen so entwickeln, dass sie sicher sind und körperlich aktiv zurückgelegt werden können

• System Schule anpassen: Die kognitive Leistungsfähigkeit über Sport und Bewegung fördern; Schulsport ausbauen; Programme, die körperliche und kognitive Anforderungen kombinieren, systematisch in das System Schule integrieren; erfüllen der Stundentafel Sport sowie Reduktion des Anteils fachfremd erteilten Sportunterrichts

• Physical Literacy leben: Physical Literacy ist ein ganzheitlicher Ansatz der Bewegungsförderung, in dem die Motivation, das Vertrauen, die physische Kompetenz und das Wissen, einen körperlich aktiven Lebensstil lebenslang auszuführen, zusammengefasst werden; Schulen sollten sich verstärkt an diesem Konzept orientieren

Schulverpflegung

Der „Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik und Ernährung“ (WBAE) beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat 2020 ein Gutachten4 zur Ernährung vorgelegt: Die derzeitige Verpflegung in Kita und Schule zeichnet sich danach überwiegend durch eine zu schlechte Qualität der Speisen sowie eine wenig attraktive Essumgebung aus. Dies führt zu geringer Teilnahme und damit hohen Kosten pro Mahlzeit. Im Sinne nachhaltiger Ernährung bedarf es deshalb klarer staatlicher Regelungen. „Unsere Ernährungsgewohnheiten sind geprägt durch Erfahrungen“. Die gesellschaftlichen Folgekosten schlechter Ernährungsmuster (Übergewicht) sind hoch, deshalb sollte Ernährung in Ganztagsschulen „ein zentrales gesundheitspolitisches Handlungsfeld sein“, denn „hochwertiges Essen fördert die Gesundheit“ und hält Kinder fit und aufmerksam. Gemeinsames Essen fördert auch das „psychische Wohlbefinden, die Wertschätzung für Lebensmittel sowie den sozialen Zusammenhalt.“ Der WBAE empfiehlt deshalb:

• Schrittweise Einführung einer beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung

• Schaffung von fairen Ernährungsumgebungen durch (1) die verpflichtende Umsetzung des Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), (2) die Schaffung von angemessenen Räumlichkeiten, Ausstattungen und Essenszeiten, (3) die Regulierung privater Verpflegungsangebote und (4) die qualitative Stärkung der Ernährungsbildung.

• Bundesinvestitionsprogramm „Top-Mensa” für den Ausbau der Schulverpflegung. Viele Kitas und GTS haben keine Küchen. Deshalb besteht die Notwendigkeit einer „Anschubfinanzierung”, damit qualitativ hochwertige Verpflegung umgesetzt werden kann. Die Forderung, Ernährungslehre für alle Schüler*innen (auch an Gymnasien) im Rahmen eines integrierten Pflichtfaches Arbeit-Wirtschaft-Technik (AWT) anzubieten, wie es an niedersächsischen IGSen unterrichtet wird, kann man im Artikel „Debatte um das Fach AWT“ in E&W Niedersachsen November 2018 (S. 16) nachlesen.

Architektur der Ganztagsschulen

In der GTS verbringen Schüler*innen von montags bis freitags mehr als 50 Prozent ihrer Wachzeit, Schule ist also ein ganz wichtiger Lebensraum der Kinder. Deshalb braucht die Ganztagsschule andere und deutlich mehr Räume als die Halbtagsschule: Mensen, Differenzierungsräume, Freizeiträume, Freiräume in ansprechender Bewegungsumwelt drinnen und draußen. Kinder benötigen aber auch Räume für Ruhe und Rückzug, wenn sie den ganzen Tag in der Schule verbringen sollen.

Beispiel Dänemark

Dass das keine Utopie ist, zeigen viele skandinavische Schulen. In Kopenhagen5 entsteht 2021 eine neue Schule, die die Themen Bewegung und gesunde Ernährung in den Mittelpunkt stellt. Dies gilt zunächst einmal architektonisch: Im Mittelpunkt des Baus befindet sich der Speisesaal. Außerdem gibt es schuleigene Gärten und eine große Dachterrasse mit integriertem Sportbereich. Dort können die Schüler*innen etwa auf einer Laufstrecke aktiv werden, einen Parcours-Kurs nutzen oder in einem abgetrennten Bereich auch Ballspiele veranstalten. Gleichzeitig gibt es aber auch auf jeder der vier Etagen noch einmal verschiedene Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung. Klar ist zudem: Die architektonische Umsetzung ist nur ein kleiner Teil des Ansatzes. Ihre volle Wirkung können die Anlagen nur entfalten, weil sie auch in das Konzept der Schule integriert sind. Sprich: Die körperliche Bewegung wird immer wieder in den Unterricht eingebaut und die Schüler*innen erhalten ausreichend Zeit, um die verschiedenen Möglichkeiten zu entdecken und zu nutzen. Außerdem soll das notwendige Hintergrundwissen vermittelt werden, damit die Kinder sich auch nach dem Ende der Schulzeit noch an die Bedeutung von ausreichend Bewegung erinnern.

Beispiel6 IGS Flötenteich

Rhythmisierte Schulen, in denen sich Lernphasen und freie Angebote im Tagesablauf der Schüler*innen abwechseln, gibt es noch zu wenig, es dominiert die offene Ganztagsschule mit klarer Trennung von Vormittagsunterricht und außerunterrichtlichen Nachmittagsangeboten. In einer gebundenen GTS ist es aber leichter möglich, andere Lernformen, Lernorte und Lerngegenstände einzubauen. Eine solche Schule ist dann nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort (Prof. Klieme)7 . In Niedersachsen sind IGSen in der Regel gebundene GTS und im Idealfall rhythmisiert. Die IGS Flötenteich in Oldenburg ist eine vollgebundene Ganztagsschule: „Unser Ziel ist es, allen Schüler*innen gleiche Chancen zu ermöglichen, das eigene Potential zu entfalten und die gemeinsame Zeit als anregendes und bereicherndes Lebensangebot zu erfahren8 .“ Grundlegende Bausteine des Ganztages sind das Leitbild, die Rhythmisierung des Schulalltages, ein breit gefächertes Ganztags- und Freizeitangebot mit dem Kernstück eines 2-Stunden-Mittagsblocks „Zeit für Vieles“. Täglich finden rund 50 Angebote aus den Bereichen Bewegung, Kultur, Natur, Gesellschaft oder Soziales statt. Weitere Schwerpunkte sind „Schule: Kultur“, das Konzept „Bewegte Schule“, das Aktionsprogramm „Sportfreundliche Schule“ sowie die Öffnung der Schule zum Stadtteil über zahlreiche Kooperationen mit außerschulischen Einrichtungen und Vereinen. Auch das Curriculum Mobilität wird übergreifend in Unterricht und Ganztag durchgeführt (siehe Film: IGS Flötenteich und Mobilität9 2020). Wissenschaft, Eltern, Gewerkschaften und andere fordern, alte und neue Ganztagsplätze kontinuierlich qualitativ zu verbessern. Vielleicht kann 2022 auf einer Tagung der GEW die Diskussion um die Qualität im Ganztag weitergeführt werden.

Lothar Wehlitz

1 Es gibt Schulen, in denen Schüler*innen der 5. Klasse in der Mittagspause die Schule verlassen, sich eine Tüte Chips kaufen und diese dann in der folgenden Hausaufgaben-Betreuung verzehren, beaufsichtigt von wechselnden Lehrkräften, die noch Stunden offen haben; das ist kein pädagogisches Ganztags-Konzept.

2 Copsy-Studie: https://idw-online.de/de/attachmentdata85769

3 www.krupp-stiftung.de/vierterkinderundjugendsportbericht

4 www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/agrarpolitik/wbae-gutachten-nachhaltige- ernaehrung.pdf?__blob=publicationFile&v=3

5 Schule in Dänemark: www.cfmoller.com/p/-de/Ny-Islands-Brygge-Skole-i3412.html

6 Weitere Beispiele auf www.ganztaegig-lernen.de; www.ganztagsschulen.org

7 www.dji.de/themen/ganztagsschule/expertengespraech-zur-ganztagsschule.html

8 www.igs-floetenteich.de/schulleben/ganztagsbereich

9 www.youtube.com/watch?v=C3BqJAgNbhQ