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Kinderarmut in einem reichen Land

Hat die herrschende Politik ein Herz für arme Kinder? Es könnte der Eindruck gewonnen werden. Denn parallel zu den Schulschließungen und dem Homeschooling in der Corona-Krise war in Politik und Medien ungewohnt oft von den

„sozial benachteiligten Kindern“ die Rede. Fragwürdig war allerdings die Motivation, aus der heraus das Thema Kinderarmut in den Vordergrund geschoben wurde. Denn fast ausschließlich diente dieses Problemfeld dazu, die Durchsetzung des

Präsenzunterrichts mit voller Klassenstärke trotz erheblicher Ansteckungsrisiken zu rechtfertigen.

23.04.2021

Keine Chance auf ein zumindest durchschnittliches Leben

Scheinbar überrascht stellte man fest, dass Kinder aus Armutsfamilien deutlich seltener über einen PC mit Internetanschluss verfügen und die Eltern dieser Kinder vielfach nicht in der Lage sind, ihre Kinder im Rahmen von Homeschooling zu unterstützen. Mit Präsenzunterricht unter Corona-Bedingungen würde man, so die These, die drohenden Bildungsnachteile für die verarmten Kinder minimieren beziehungsweise kompensieren können. Nun liegen seit langem die Studien vor, die belegen, dass in diesem selektiven Bildungssystem die Kinder aus verarmten Familien auch in Nicht-Corona-Zeiten zu den strukturell Benachteiligten zählen. Das Kernproblem ist aktuell also nicht der möglicherweise fehlende Internetanschluss, sondern die oftmals bedrückende Armut, unter der Kinder in diesem Lande aufwachsen. Eine umfangreiche Broschüre der Bertelsmann-Stiftung zu Kinderarmut in Deutschland vom Juli 2020 liefert hierzu aufschlussreiche Daten. Demnach wächst mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut auf. Das sind 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. „Die Kinder- und Jugendarmut verharrt seit Jahren auf diesem hohen Niveau. Trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklungen sind die Zahlen kaum zurückgegangen. Kinderarmut ist seit Jahren ein ungelöstes strukturelles Problem in Deutschland“, lautet das Fazit. Und weiter: „Für zwei Drittel der betreffenden Kinder und Jugendlichen ist dies ein Dauerzustand: Sie leben mindestens fünf Jahre durchgehend oder wiederkehrend in Armut.“

Regionale Unterschiede

Im Vergleich der Bundesländer, oftmals auch zwischen verschieden Regionen innerhalb dieser Länder, gibt es erhebliche Unterschiede bei der Armutsquote.1 Geradezu schicksalhaft ist es also für Kinder nicht nur, in welche Familie sie hineingeboren werden, sondern auch, in welcher Region, welchem Stadtteil und in welcher Straße sie aufwachsen. In Niedersachsen lebten 2019 14,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Familien mit SGB-II-Bezug. Damit liegt Niedersachsen sowohl über dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer (13,1 Prozent) als auch über dem gesamtdeutschen Durchschnitt (13,8 Prozent). Dramatischer als der Durchschnitt sind allerdings die Zahlen in einzelnen Regionen Niedersachsens, teilweise mit deutlich steigender Tendenz seit 2014: zum Beispiel in Wilhelmshaven mit 33,8 Prozent, Delmenhorst 29,7 Prozent, Salzgitter 28,8 Prozent, Emden 23,9 Prozent, aber durchaus auch in der Region Hannover mit 20,2 Prozent. Schlusslicht unter den Bundesländern ist übrigens Bremen mit 31,6 Prozent (Bremen Stadt 30,8 Prozent, Bremerhaven 35,2 Prozent).

Negative Auswirkungen

„Aufwachsen in Armut begrenzt, beschämt und bestimmt das Leben von Kindern und Jugendlichen – heute und mit Blick auf ihre Zukunft“, lautet das bedrückende Resümee. So haben Kinder aus Armutsfamilien

• vielfach aufgrund mangelnden Wohnraums keinen ruhigen Ort zum Lernen oder zum Rückzug,

• eingeschränkte Möglichkeiten der Mobilität, da 50 Prozent der Familien, die Leistungen nach SGB-II beziehen müssen, kein Auto besitzen,

• seltener Taschengeld, deshalb können sie mit Freund*innen oftmals nichts unternehmen, was Geld kostet (Kino, Eis essen oder ähnliches),

• aus finanziellen Gründen kaum die Möglichkeit, mit der Familie eine Woche in Urlaub zu fahren,

• Scham, Freund*innen nach Hause einzuladen und Einladungen beispielsweise zu Geburtstagen anzunehmen, da sie kein Geld für Geschenke haben,

• die Erfahrung machen müssen, bei Lehrer*innen und Trainer*innen stigmatisierende Anträge für Klassenfahrten, Freizeitangebote oder ähnliches stellen zu müssen; oder sie melden sich krank und fahren nicht mit.

Diffamierung und Stigmatisierung

Diese Faktoren führen dazu, dass diese Kinder und Jugendlichen „aus ihrer eigenen Lebenswelt beziehungsweise ihrem Umfeld nicht herauskommen“ und sich „insgesamt weniger zugehörig in der Gesellschaft“ fühlen. Massiv verstärkt wird diese Tendenz zur (Selbst-)Ausgrenzung durch die habituelle Dominanz der gesellschaftlichen Mittelschicht. Der in Magdeburg lehrende Professor Dr. Michael Klundt, der 2017 die Studie „Kinderarmut und Reichtum in Deutschland“ veröffentlichte, kommt zu dem Ergebnis, dass „schmerzhafter noch als materielle Einschränkungen […] sich Diffamierungen und Stigmatisierungen“ auf Kinder und Jugendliche aus Armutsfamilien auswirken. Dabei verweist er unter anderem auf die „Rheingold-Studie“, die das Verhalten von Mittelschicht-Jugendlichen gegenüber Jugendlichen aus prekarisierten Familien beschreibt. „Ihre ständigen Absturz-Ängste versuchen die [Mittelschicht-(Verf.)] Jugendlichen […] zu bannen, indem sie sich strikt von allen Menschen abgrenzen, die bereits abgestürzt sind. ‚Du Loser‘, ‚Du Opfer‘ oder ‚Hartz-IV‘ avancieren zu gern gebrauchten Schimpfwörtern. Den Opfern und Verlierern der Gesellschaft wird nicht Mitleid oder Solidarität entgegengebracht, sondern Verachtung und Schmähung.“ Beeinträchtigungen Eine Folge dieser Alltagserfahrungen ist es, dass arme Kinder sich unsicherer als andere junge Menschen fühlen, häufiger gehänselt werden und häufiger Gewalt erfahren. Negativ für ihren weiteren Lebensweg wirkt sich auch aus, dass sie häufiger zu riskantem Gesundheitsverhalten (Fehlernährung, Bewegungsmangel, Rauchen) neigen und überdurchschnittlich oft von psychischen Störungen betroffen sind. Hinzu kommt, dass „sozial benachteiligte Kinder auch hinsichtlich Wohnqualität und Umweltbelastungen überproportionalen Beeinträchtigungen ausgesetzt sind.“ Der Kinder-Umwelt-Survey des Bundesumweltamtes kommt zu dem Ergebnis, dass „Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger an stark befahrenen Haupt- und Durchgangsstraßen wohnen als Kinder aus Familien mit mittleren und hohem Sozialstatus.“ Zudem haben armutsgefährdete Kinder und Jugendliche einen „schlechteren Zugang zu wohnortnahen Grünflächen“ und sind konfrontiert mit „infrastrukturellen Mängeln, wie zum Beispiel bei der Ausstattung wohnortnaher Treffpunkte, Spiel- und Sportplätze oder bei der Bildungsinfrastruktur.“ In dem Buch „Gestohlenes Leben – Kinderarmut in Deutschland“ kommt Klundt zu dem Fazit: „Die unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen von Kinderarmut auf das Kindeswohl sind im Einzelnen überprüfbar. Dabei kann gezeigt werden, dass Kinderarmut im reichen Deutschland als Kinderrechtsverletzung und – politisch mit herbeigeführte – Kindeswohlgefährdung grundsätzlich das Recht junger Menschen auf Förderung ihrer Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit beeinträchtigt.“ Raus aus der Armutsfalle! „Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf gutes Aufwachsen und faire Bildungs- und Teilhabechancen. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, dieses Recht endlich einzulösen! Es ist nicht ihre Schuld, wenn sie in finanzieller Armut aufwachsen.“ Dieser Kassandraruf der Bertelsmann-Stiftung, die ja ansonsten für ihre neoliberale Ausrichtung bekannt ist, ist ein Abbild der sozialpolitischen Dimension und skandalträchtigen Brisanz des Themas Kinderarmut in einem ausgesprochen reichen Land. Eine „Debatte, welche finanzielle Absicherung wir Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stellen wollen“, sei deshalb dringend erforderlich. Eine Finanzierung, die wie gegenwärtig lediglich ein Existenzminimum zusichere, sei in diesem Zusammenhang deutlich unzureichend. Stattdessen müsse eine materielle Basis gewährleistet sein, die „eine normale und durchschnittliche Kindheit und Jugend“ ermögliche. Denkbar wäre deshalb eine materielle Sicherung im Rahmen einer Kindergrundsicherung oder eines Teilhabegeldes. Kinder und Jugendliche müssten selbst anspruchsberechtigt für die Leistungen sein. Entscheidend wird jedoch die deutliche Verbesserung der materiellen Gesamtsituation der Armutsfamilien sein, in denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen. Und hier sind, gerade auch vor dem Hintergrund der Kollateralschäden der Corona-Krise, keine durchgreifenden Verbesserungen in Sicht. Die völlig unzureichende Erhöhung der Hartz-IV-Sätze zum 1. Januar 2021 auf 446 Euro sowie die minimale Anhebung des Mindestlohns auf 9,50 Euro werden auch die massenhafte Kinderarmut in die Zukunft verlängern. Kleinschrittige sozialpolitische Maßnahmen werden das Problem nicht beseitigen können. Vielmehr ist der Schlussfolgerung von Klundt zuzustimmen: „Alle Maßnahmen und Alternativen stehen und fallen mit der Frage nach der Primärverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.“

Meike Grams Referat Jugendhilfe und Soziale Arbeit

Ralf Beduhn

1 Es gibt zwei unterschiedliche Armutsdefinitionen:

1. Kinder gelten als arm, wenn sie in einem Haushalt leben, der Leistungen nach SGB-II/Hartz IV erhält oder

2. wenn das Haushaltseinkommen weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens beträgt