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Arbeitskreis Queer: Interview mit Sandra Wolf

Niedersachsens erste LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin

08.06.2021

Liebe Sandra, stell´ dich doch bitte mal vor! 

Sandra Wolf: Ich bin seit 2018 Vertrauenslehrerin für LSBTIQ* (Lesbisch Schwul Bi Trans* Inter* Queer) am Hainberg-Gymnasium, kurz HG, in Göttingen. Neben meiner Tätigkeit dort bin ich eingesetzt im Krankenhausunterricht am Uniklinikum in Göttingen, bin Dozentin im Rahmen der bundesweiten Lehrkräfte-Fortbildung „Vielfalt.Kompetent.Lehren.“ und arbeite als freie Teamerin für Workshops im queeren Bereich sowie in der Ehrenamtsarbeit. 

Wie würdest das Hainberg-Gymnasium als Schule beschreiben?
Das HG ist eins der fünf Gymnasien in Göttingen mit zirka 130 Lehrkräften und etwa 1.200 Schüler*innen. Es gehört zum weltweiten Schulnetzwerk der UNESCO mit rund 10.000 Schulen, was uns viele internationale Kontakte beispielweise nach Weißrussland, Südkorea, Tansania, aber auch innerhalb Europas beschert und das soziale und interkulturelle Leben sehr bereichert. Vielleicht ist dieser global-vielfältige UNESCOGedanke mit ein Grund, warum es am HG viele politisch interessierte Menschen gibt – sowohl im Kollegium als auch bei den Schüler*innen. Wir zeigen Flagge nach außen und haben uns in den letzten Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, wie eine vielfaltsoffene Schule aussehen kann, in der alle Schüler*innen gleichberechtigt lernen können – unabhängig von sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder Unterschiedlichkeit aufgrund anderer Differenzkategorien.

Wie bist du zu der Aufgabe als LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin gekommen?
Begonnen hat alles mit einer Schüler*innengruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, mehr Sichtbarkeit von LSBTIQ* an der Schule zu erreichen. Später haben sie sich den Namen „HG Queer“ gegeben. Sie hatten das Gefühl, an Schule wird für queere Jugendliche nicht genug getan, diese werden mit teils schwerwiegenden Folgen diskriminiert und verstecken sich und ihre Identität. So hat sich HG Queer Projekte und Aktionen ausgedacht, um für das Thema zu sensibilisieren und Diskriminierung abzubauen. Und natürlich bietet eine solche Gruppe auch einen gewissen Schutzraum. Nach einiger Zeit hat sich die Schüler*innengruppe an das Kollegium gewandt mit der Bitte, eine Lehrkraft möge sie bei ihrer Arbeit unterstützen und Ansprechperson sein. Daraufhin hat mich der Schüler*innenrat zur LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin gewählt.


Welche Projekte wurden dann in Angriff genommen?
Das erste Projekt war die Einführung geschlechtsneutraler Toiletten. Wir haben bei zwei Toilettenanlagen mit jeweils zwei Kabinen und einer abschließbaren Haupttür das Schild ausgetauscht: Auf dem Schild steht jetzt lediglich das Wort Toilette – und warum sollte man auch etwas anderes schreiben? Die Toiletten sind für alle zugänglich. Es sollen ja keine Extratoiletten nur für trans*, inter* und genderqueere Personen sein, sonst würde die Nutzung ja einem Outing gleichkommen. So haben wir die zweigeteilte Toilettensituation lediglich um eine Option erweitert.

Welche Reaktionen gab es auf die Einführung dieser Toiletten?
Zunächst gab es – sowohl im Kollegium als auch in der Schüler*innenschaft – einen großen Aufklärungsbedarf, um zu erklären, warum wir das jetzt tun und dass es um mehr als die Kategorie „Geschlecht“ geht. Insgesamt gab es viel konstruktive Kritik dazu.


Gab es auch negative Reaktionen? 
Ja, die sogenannten neuen Rechten haben das aufgegriffen und einen Aufruf zum Shitstorm gegen die Schule und auch gegen die Gruppe gestartet. Die Vorwürfe und Unterstellungen, die dort kamen, waren
hanebüchen. In der Schulgemeinschaft wurde diese Verunglimpfung jedoch gut aufgefangen, ein Kollege hat zum Beispiel in einem Politikbuch einen Artikel veröffentlicht, der genau diese Strategien rechter Propaganda analysiert und sichtbar macht. Insgesamt war es schön zu erleben, dass trotz aller negativer Erfahrung ein Mehrwert dabei herauskam.

Welche Aufgaben hast du als LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin?
Ich begleite die Gruppe HG Queer, die sich einmal wöchentlich trifft, und unterstütze sie bei ihren Projekten. Ich bin Ansprechpartnerin für Schüler*innen. Häufig geht es dabei um Outings in Schule und Familie und die damit verbundenen Befürchtungen, Erwartungen und Erfahrungen. Ich bin ebenso Ansprechperson für das Kollegium bezüglich queerer Themen und vernetze mich mit Göttinger Unterstützungsangeboten für queere Jugendliche sowie mit bundesweiten Stellen und Projekten. Auf Initiative von HG Queer und der SV haben wir im September 2020 eine eintägige Lehrkräftefortbildung mit vielen externen Dozent*innen geplant und durchgeführt – und uns im Vorfeld um die Finanzierung gekümmert. Viele Anfragen anderer Schulen erreichen mich unter anderem zur Thematik geschlechtsneutraler Toiletten.


Wie wirkt sich die geleistete Arbeit bisher aus?
Mittlerweile gibt es an meiner Schule viele Outings queerer Schüler*innen. Diese Personen haben oft einen hohen Leidensdruck erlebt. Das betrifft nicht nur das Themenfeld Toiletten oder Umkleidenutzung, sondern beispielsweise auch die Verwendung von (veränderten) Namen und Pronomen sowie die Unsichtbarkeit beziehungsweise Tabuisierung ihrer Identität im Umfeld Schule. Am HG gibt es viele unterstützende Personen und auch die Schulleitung gibt große Rückendeckung. Inzwischen sind wir als queerfreundliche Schule bekannt, was schon dazu geführt hat, dass queere Schüler*innen explizit an unsere Schule wechseln. 

Welche anderen Projekte hat die HG-Gruppe in Planung oder auch schon durchgeführt?
HG Queer hat dafür gesorgt, dass das Aufklärungsprojekt „SCHLAU“ verbindlich im achten Jahrgang eingeladen wird. Wir haben ein eigenes Logo entwickelt und Aufkleber und Buttons hergestellt. Es gab eine große Foto-Aktion zum Thema „Umgang mit Labeln“ und wir haben einen Leitfaden für Lehrkräfte zum Thema trans* und geschlechtergerechte Sprache erstellt. Und wir sind immer mehr vernetzt mit queeren Gruppen an anderen Schulen. Außerdem haben wir an mehreren Wettbewerben teilgenommen. So haben wir den zweiten Platz bei „fair@school“ gewonnen und sind mit einem Sonderpreis im Rahmen des Jugenddemokratiepreises von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet worden.

Wie begegnest du dem Vorwurf, dass ihr die Schüler*innen „zu früh“ aufklärt und ihnen so „Gedanken einpflanzt“?
Der Vorwurf ist abstrus. Niemand sucht sich die eigene Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung aus. Studien zeigen eindeutig, dass zum Beispiel die Geschlechtsidentität in den ersten drei Jahren ausgebildet wird. Wir schaffen also hier nur die Möglichkeit, dass sich alle Menschen richtig fühlen, und bieten einen Rahmen, wo sich alle Kinder und Jugendlichen gesund und glücklich entwickeln können – und dazu sind wir laut Grundgesetz, Schulgesetz und so weiter auch verpflichtet! 

Machen wir noch einen Schlenker zu den Lehrkräfte-Fortbildungen, bei denen du als Dozentin tätig bist. Berichte bitte darüber.
Die Fortbildungsreihe „Vielfalt.Kompetent. Lehren.“ ist jetzt im fünften Jahr – ich selber bin seit zwei Jahren als Dozentin dabei. Die Reihe läuft im Rahmen des Modellprojekts „Demokratie leben“ und wird aus Bundesmitteln finanziert. Zielsetzung ist die Vermittlung von Wissen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Unsere Fortbildungen sind sehr gut besucht, so dass wir teilweise sogar Wartelisten anlegen müssen. Es gibt kostenlose Basismodule, die dezentral über die Kompetenzzentren in Vechta, Lüneburg, Hannover, Osnabrück, Göttingen und Braunschweig angeboten werden und zirka sechs Stunden dauern. Dann gibt es weiterführende, mehrtägige Module, die in der Akademie Waldschlösschen durchgeführt werden. Zu Beginn der Fortbildungsreihe vor fünf Jahren haben sich vorwiegend queere Lehrkräfte dafür interessiert, inzwischen gehört die Mehrzahl der Teilnehmenden nicht zur queeren Community.
Im Moment nehmen viele Gleichstellungsbeauftragte und Schulleitungsmitglieder an diesen Fortbildungen teil. Seit dem letzten Jahr bieten wir auch Module für Referendar*innen und Lehramtsstudierende an.
Vielen Dank.

Das Gespräch führten Dr. Monika Brinker und Frederick Schnittker für den Arbeitskreis Queer der GEW Niedersachsen

Der AK Queer der GEW Niedersachsen ist eine offene Gruppe. Wer Fragen hat, Termine für die nächsten Veranstaltungen erfahren oder inhaltlich mitarbeiten will, erreicht den AK Queer unter Roland Müller rolamueller(at)gmx(dot)de oder Monika Brinker MBrinker(at)gmx(dot)de oder den AK Queer Weser-Ems unter info(at)gewweserems(dot)de.

Zudem gibt es das Angebot von offenen Stammtischen (sofern die Corona-Beschränkungen dies erlauben):
In Braunschweig: jeden 2. Freitag der ungeraden Monate ab 18.30 Uhr im Onkel Emma Kontakt: QueerTeachers(at)onkel-emma(dot)org
In Göttingen: Kontakt: QueerTeachers(at)gmx(dot)de
In Hannover: Kontakt: rolamueller(at)gmx(dot)de oder MBrinker(at)gmx(dot)de

Herzlich willkommen!