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Die Social-Media-Kampagne #Teach Out

Es gibt Neuigkeiten im Schulbereich, über die der AK mit zwei niedersächsischen Lehrkräften gesprochen hat.

02.11.2021

Stellt euch bitte kurz vor.
Gun: Mein Name ist Gun Overesch, mein Pronomen ist sie. Ich bin 31 Jahre alt und arbeite seit 3,5 Jahren an der Sally-Perel-Gesamtschule in Braunschweig, einer IGS mit 1.100 Schüler*innen.

Sören: Ich bin Sören Petersen. Ich bin 50 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Mein Pronomen ist „hen“, woraus ersichtlich wird, dass ich mich als nicht binär definiere, also weder männlich noch weiblich bin. Ich arbeite am  Humboldt-Gymnasium in Bad Pyrmont, einem Gymnasium mit circa 700 Schüler*innen. Zusammen mit anderen habt ihr die Initiative #Teach Out gegründet und vorangebracht. Was ist #Teach Out?
 

Gun: #Teach Out ist eine Social-Media-Kampagne auf Instagram, Twitter und Facebook, die sich im Februar 2021 gegründet hat. Sie entstand in Anlehnung an die Kampagne #ActOut, bei der sich 185 Schauspieler*innen gemeinsam als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter oder non-binär geoutet haben, um zu zeigen: Wir sind hier und wir sind viele! In Folge von #ActOut entstand #Teach Out auf Instagram und schon bald kam die Idee bei mir, eine ähnliche Kampagne mit Beschäftigten an Schule zu starten. Zunächst begann ich meinen eigenen Bekanntenkreis einzuladen, an der Kampagne teilzunehmen. Aus dieser Grundidee ist inzwischen eine Community von circa 120 Pädagog*innen entstanden.
 

Welche Schulformen und Berufs-gruppen sind bei #Teach Out vertreten?
Bei #Teach Out haben sich Personen von Kita bis Uni aus Deutschland, USA, Brasilien und Österreich zusammengefunden: aktive und pensionierte Lehrkräfte, Referendar*innen, Erzieher*innen und Dozent*innen. Unser Ziel ist es, den ganzen Bildungsbereich zu erreichen, um die queere Sichtbarkeit überall im Bildungsbereich zu erhöhen. Warum ist es wichtig, Vielfalt im Bildungsbereich zu zeigen? Wir können davon ausgehen, dass in jeder Lerngruppe queere Personen
vorhanden sind, die sich als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter oder non-binär definieren. Statistisch gesehen beträgt ihr Anteil fünf bis zehn Prozent. Diesen Kindern und Jugendlichen muss gezeigt werden, dass sie, so wie sie sind, richtig sind. Dazu braucht es auch Vorbilder und role models. Deshalb setzen wir uns für mehr Selbstverständlichkeit queerer Vielfalt im Bildungsbereich ein.

Welche Aktionen macht #Teach Out?
Neben der Aktion #Teach Out auf Instagram, Twitter und Facebook haben wir eine Webpage entworfen und Forderungen an die Politik formuliert. Wir haben einen Presseverteiler zusammengestellt und so Interviewanfragen von Fernsehen,
Zeitungen und Podcastformaten generiert (zum Beispiel vom ZDF, NDR, Zeit, Stuttgarter Nachrichten, Podcast Queerdenken...) und nehmen an Diskussionsveranstaltungen (zum Beispiel im Rahmen des Hamburg Pride) teil. Wir haben auch Kontakte geknüpft zur Bundes-GEW und zur GEW Hessen – und nun auch zur GEW Niedersachsen. Im Rahmen des Idahobit (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit) haben wir nach Geschichten über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in pädagogischen Kontexten gefragt und daraus einen Podcast erstellt. Wir sind also eine aktive Gruppe – und freuen uns über alle, die bei uns mitmachen wollen.

Sind eigentlich alle Personen bei #Teach Out auch an ihren Schulen geoutet?
Sören: Im Großen und Ganzen ja. Manche allerdings nur in ihem Kollegium – und nicht bei den Schüler*innen. In meinem Kollegium in Bad Pyrmont gibt es außer mir keine offen nichtbinäre Person. Ich habe mich Anfang des Jahres dort
als nicht-binäre Person geoutet und tolle Reaktionen aus meinem Kollegium erhalten. Viele Kolleg*innen, Eltern und auch Schüler*innen sprechen mich seitdem mit „Guten Tag, Sören Petersen“ an und vermeiden die binäre Zuordnung von Frau/Mann und er/sie.


Wie sind eure Erfahrungen auf Outings im Bildungsbereich?
Die Angst vor negativen Reaktionen ist natürlich berechtigt, es ist schließlich ein Schritt, mit der eigenen sexuellen oder geschlechtlichen Identität in die (Schul-)Öffentlichkeit zu gehen. Bislang können wir von #Teach Out aber nur positive Reaktionen verzeichnen. Wir wissen nicht, ob das so bleibt – haben aber eine hohe Motivation entsprechend einzugreifen und die betroffenen Personen zu unterstützen. Viele von uns berichten aber über sehr positive Erfahrungen und werden dann an ihren Schulen auch aktiv und bringen das Thema Vielfalt im Unterricht voran. Hinzu kommt, dass der Austausch der Lehrkräfte oft positive Effekte auslöst.

Wie wichtig ist die Unterstützung der Schulleitung?
Insgesamt ist es wichtig, dass die Atmosphäre an einer Schule stimmt. Denn nur wenn ich mich wohlfühle, kann ich mich offen und sicher zeigen – das gilt für Schüler*innen und auch für die an Schule Beschäftigten. Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn die Schulleitung dem Thema Vielfalt offen gegenübersteht, wozu sie ja laut Schulgesetz auch verpflichtet ist. Rückendeckung wird wichtig, sobald es Konflikte gibt. Es gibt hier sehr unterschiedliches Handeln: Einige Schulleitungen sind sehr unterstützend, andere eher weniger und bestehen beispielsweise auf binäre Formen der Anrede (Herr/Frau). Eine unserer Forderungen ist die verpflichtende Fort- und Weiterbildung aller Menschen in Bildungskontexten im Hinblick auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Das gilt dann auch für Schulleitungen.

Was plant #Teach Out für die Zukunft?
Wir wollen unsere Forderungen in die Politik bringen und planen dazu Veranstaltungen mit politischen Verantwortungsträger*innen. Dazu sind auch weitere Gespräche mit der GEW geplant, da wir festgestellt haben, dass auch die AG LSBTI der Bundes-GEW ganz ähnliche Forderungen aufgestellt hat. Die queere Community ist sich also einig, was im Bildungsbereich passieren muss. Natürlich soll auch unser Engagement, was Sichtbarkeit in Medien angeht, weiter ausgebaut werden. Dazu gehören sowohl die Social-Media-Präsenz und Webpage als auch die Planung von Kommunikationsstrategien. Es wird auch weiterhin konkrete Aktionen zu bestimmten Anlässen geben. Es gibt gerade Überlegungen, ob wir einen Verein gründen. Wir freuen uns über Unterstützung! Ganz einfach geht das über einen Post: Postet einen eigenen Beitrag, eine Story oder einen Tweet mit dem Hashtag #TeachOut auf Instagram, Twitter oder Facebook. Weitere Informationen findet ihr auf www.teachout.de/mitmachen

Vielen Dank für das Gespräch.

Monika Brinker und
Frederick Schnittker

für den Arbeitskreis Queer
der GEW Niedersachsen