Januar
2006
Tagung
zum Aufruf„Das Bildungswesen
ist kein Wirtschaftsbetrieb“
Widerstand gegen neoliberale
Schul- und Hochschulreformen leisten
Den Hörsaal IV der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität füllten
am 10. Oktober bunt gemischt Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer,
Elternsprecherinnen und -sprecher, Uni-Dozentinnen und -Dozenten, Gewerkschaftlerinnen
und Gewerkschaftler, die den Aufruf „Das
Bildungswesen ist kein Wirtschaftsbetrieb“ diskutieren wollten (EuW 9-10/2005).
Die Initiatoren des Aufrufs hatten eingeladen und die interessierten Männer
und Frauen kamen aus vielen der 16 Bundesländer
und aus der Schweiz, um sich auszutauschen, eine „Frankfurter Erklärung“ (siehe
Kasten) entgegenzunehmen und Wege im Widerstand gegen neoliberale Schul- und
Hochschulreformen zu besprechen.
Renaissance der alten Ideen?
Viele der Teilnehmerinnen
und Teilnehmer brachten die polemische Anfrage von H.-E. Tenorth in der Zeit
vom 6. Oktober mit auf die Tagung: „Bedarf es einer
Renaissance der alten Ideen von Bildung und akademischer Kultur statt Leistungsmessung?“ Auf
drei Gebieten meinte Tenorth die gegenwärtigen Reformen verteidigen zu müssen:
• Steuerung und Autonomie von Schulen und Hochschulen würden durch „Selbstständigkeit
in der Abhängigkeit“ gewährleistet;
• Leistungsmessung und Standardisierung würden unter Beteiligung anerkannter
Fachvertreter erfolgen, zunehmend auch durch disziplineigene Gütekriterien;
• Wissenschaft im Reformprozess werde nicht nur auf Verwertbarkeit und Nützlichkeit
reduziert, sondern im Gegenteil angehalten, sich ihren ureigensten Themen zu
widmen. Tenorth gestand damit zu – ohne es direkt aussprechen zu wollen –,
dass es erhebliche Probleme gibt, weil an Schulen und Hochschulen neue Machtverteilungen,
Hierarchien und Verdrängungsprozesse entstehen. Daher forderte er von der
Politik mehr Werbung um Akzeptanz und Mitwirkung (!) sowie „Reformfolgen-
Forschung“.
Andreas Gruschka beschrieb zu Beginn der Tagung, dass die „sieben Anstifter“ mit
ihren „trotzigpathetischen Einsprüchen“ auf eine „ungeahnte
Breite der Zustimmung“ gestoßen seien. Rudolf zur Lippe kritisierte
die Verengung ökonomischen Denkens auf „Business“
und „Output“ und rief den Befürwortern von Leistungsmessung
und Bildungsstandards zu: „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!“ Jörg
Ruhloff beschrieb wortreich Auswirkungen gegenwärtiger Hochschulreformen,
die „Halbbildung“ und Oberflächlichkeit, Flüchtigkeit,
Gleichgültigkeit
produzierten. Workloads und Creditpoints würden zum Ersatz für die
inhaltliche Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragen. Ulrich Herrmann
warf den Reformern in Ministerien, Schulen und Hochschulen vor, blind zu sein
für die Differenz zwischen alltäglichen Lernleistungen des Gehirns
und Bildung als selbstbewusstem, individuellen Reflexionsprozess. Er kennzeichnete
das deutsche Schulwesen als „Benachteiligungssystem“ und warnte vor
den Folgen einer Zerstörung dieser letzten gesellschaftlichen Instanz, in
der gemeinsam nachgedacht werden könne. Anstelle von Abschlüssen habe
Bildung Jugendlichen Anschlüsse zu vermitteln. Frank Olaf Radtke schließlich
deutete die Machbarkeitsphantasien der gegenwärtigen Bildungspolitik als
Teil neuer Regierungstechniken zur Bewirtschaftung und Ausbeutung des „Humankapitals“.
Ein neues „Regime“ hantiere mit aufgezwungenen Kontrakten, Selbstverpflichtungen,
Zielvereinbarungen und Steuerungstechniken für ein groß angelegtes „Erziehungsexperiment“,
dessen Folgen und Risiken für die Kinder und die Gesellschaft überhaupt
nicht abgeschätzt seien. Bildung degeneriere so zur mautpflichtigen Veranstaltung
für
jüngere „Kunden“ (Texte z.T. unter www.forum-kritische-paedagogik.de)
Auf breite Zustimmung gestoßen
In den Diskussionen der Tagung dominierten Zustimmung, Ermutigung und vertiefende
Argumentation. Oevermann merkte an, dass Lernen der triviale Bestandteil von
Bildung sei. Lebenslanges Lernen meine im Grunde nichts anderes als lebenslange
Anpassung. Letztendlich gehe es um die Autonomie der Bildungssysteme. Dafür
müsse auch die Schulpflicht in Frage gestellt werden. Von anderer Seite
wurde angemerkt, dass die heutige staatlich formierte Bildung die sozialen Ränge
zuweise, so dass die einen „im Licht leben, die anderen im Dunkel“.
Im Grunde gehe es heute mit der Unterschlagung des Bildungsbegriffs um eine Leugnung
des gegenwärtigen Reichtums und seiner Verteilungsfragen.
Zustimmung, Ermutigung
und vertiefende Argumentation
An den Universitäten würden Studenten
als „Kunden“ angesprochen, aber auf dieser Grundlage ließen
sich keine Abschlussprüfungen organisieren; denn Kunden sollten bezahlen,
nicht sich prüfen lassen. Aus Zürich wurde darauf hingewiesen, dass
Universitäten inzwischen dazu übergehen, die bei ihnen beschäftigten
Forscher zu enteignen, indem die Hochschule Anspruch auf deren Forschungsergebnisse
erheben, um sie in Patente umzumünzen. Letztendlich gehe es um Vorteile
und Vorsprünge im globalen Wirtschaftskrieg, der auch zum militärischen
Krieg werden könne. Es gab auch Kritik am Aufruf „Das Bildungswesen
ist kein Wirtschaftsbetrieb“ und seinen Initiatoren. Er sei „stark
in der Kritik am neoliberalenReformgehabe“, aber „schwach in der
Perspektive“.
Die bisherigen Zustände in Schulen und Hochschulen seien gegenüber
zukünftigen
nicht wirklich erhaltens- und verteidigenswert. Es müsse eine grundsätzlich
neue Perspektive ins Spiel gebracht werden. Kritisiert wurde auch die Dominanz
professoraler Perspektiven und Kommunikationsformen. So mussten die Initiatoren
darauf aufmerksam gemacht werden, dass der studentische Protest gegen die Studiengebühren
unbedingt in den Horizont des Aufrufs gehört. Lehrerinnen und Lehrer mussten
sich mit vagen Aussagen zur Zukunft der Schule begnügen. Die Elternschaft
an den Schulen würde nicht berücksichtigt, so ein Elternvertreter.
Offenbar hatten die Initiatoren des Aufrufs sich nicht auf Perspektiven für
Schule einigen können.
Eine grundsätzlich neue Perspektive ins Spiel
bringen
Der beginnende Widerstand, der sich um den Aufruf gruppiert, ist heterogen und
widersprüchlich. Ohne ausführliche Verständigung in und zwischen
den Gruppen der Studierenden, Dozierenden, der Lehrkräfte und Elternschaft
wird eine gemeinsame effektive und vernehmliche Opposition nicht entstehen können.
Die Tagung selbst zeigte in Diskussion und Organisation, dass der Weg dahin noch
weit ist: Die Zeit war sehr knapp berechnet, es gab keine Arbeitsgruppen zur
dringend notwendigen Vertiefung und wenig zusätzliche Informationen, geschweige
denn Angebote anderer Initiativen und Publikationen. Selbst ein Büchertisch
fehlte. Unter dem scheinbar improvisierten Charakter litten sowohl die Verständigung
als auch die Trennschärfe in den Diskussionen. Vertreter des GEW- Hauptvorstandes äußerten
sich zufrieden mit der Tagung, deuteten aber Distanz gegenüber einer Ablehnung
von Bildungsstandards an. Immerhin sei die GEW in den Bundesländern auf
verschiedenen Ebenen an der Erarbeitung und Umsetzung solcher Standards beteiligt.
Genau das wurde ihr auch vorgeworfen: als Gewerkschaft mache sie zu viel mit
beim neoliberalen Umbau.
Ein Bild dokumentierte, wie unsicher und suchend der Widerstand noch ist: Einer
der Initiatoren zog die Parallele zum „Bund Freiheit der Wissenschaft“,
in dem Professoren in den 70er Jahren an der Seite der CDU gegen demokratische
Hochschulreformen kämpften.
Das war aber politisch gesehen etwas völlig anderes, als heute Widerstand
gegen neoliberale Schul- und Hochschulreformen zum Ausdruck zu bringen.
Die Tagung hat Zeichen gesetzt
Trotzdem: die Tagung war ein Zeichen - an die Verantwortlichen , dass neoliberale
Reformen in Schule und Hochschule in Zukunft nicht mehr so billig wie bisher
zu haben sein werden, - an die betroffenen Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen
und Lehrer, Dozentinnen und Dozenten, dass Opposition und Widerstand möglich
sind.
KARL-THEODOR STILLER
www.forum-kritische-paedagogik.de
Text ist hier zum
Download verfügbar
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