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07. März 2009
Kultusministerin plant Kürzung der Anrechnungsstunden für Beratungslehrkräfte

Beratung erneut vor dem Aus?

Nachdem die Kultusministerin am 24. Februar 09 verkündet hatte, zur Sicherung der Unterrichtsversorgung würden u.a die Entlastungsstunden für Beratungslehrer erneut zusammengestrichen, waren am folgenden Montag schon die beiden demnächst als einzige für Beratung vorgesehenen Wochenstunden verbraucht: Ein Elterngespräch wegen Schulabsenz; Klassenberatung zu Mobbingfragen; Mutter und Tochter besuchen den Beratungslehrer (BL) wegen Leistungsproblemen - das wäre es gewesen!

Die vorgesehenen Tätigkeiten der Woche wie Austausch mit dem Jugendamt, die Moderation eines Eltern-Lehrer-Gespräches, die dringende Überprüfung eines 6.Klässlers und der Unterrichtsbesuch zur Beobachtung einer verhaltensauffälligen Schülerin können aufgrund der 40%igen Kürzung der BL-Stunden ohnehin nur durch Mehrarbeit durchgeführt werden. Sie müssten aufgegeben werden. Und ganz zu schweigen von den im Erlass aufgeführten Aufgaben wie der Organisation von Trainingsprogrammen, Optimierung von Unterrichtsprozessen, Durchführung von Persönlichkeitstests u.a.m.

Aufgaben nur per Mehrarbeit zu lösen

Seit 1978 werden die BL zur Verstärkung und Ergänzung der schulpsychologischen Beratung in der Schule eingesetzt. Ein zweijähriger Studiengang in pädagogischer Psychologie mit mündlicher und schriftlicher Prüfung bereitet die BL auf ihre Aufgaben vor. Fünf Entlastungsstunden wurden damals aus guten Gründen für diese Tätigkeit gewährt - was sich angesichts der vielfältigen Beratungsaufgaben aber als eher ungenügend herausstellte.

38 verschiedene Tätigkeitsbereiche

38 verschiedene Tätigkeitsbereiche für BL stellte die GEW bei einem Workshop im Jahre 1996 zusammen: Komplexe Bereiche, vom Angstbewältigungs-Training über Systemberatung, Supervision, Gruppen- und Einzelberatung sowie als Kontaktstelle zu weiteren Beratungsinstitutionen umfasst das Aufgabenfeld der Beratungslehrkräfte.

Schon 1992 weckten die 5 Entlastungsstunden für dieses umfangreiche Arbeitsgebiet die Begehrlichkeiten der Bildungspolitik: Um den Lehrermangel auszugleichen reduzierte man diesen Stundenpool an kleineren Schulen um 2 Stunden. Offenbar auf den „Geschmack“ gekommen, startete die „Düwel-“ und später die „Ermert-Kommission“ 1996 einen Frontalangriff auf die Funktionsstellen der BL: Angedacht war deren völlige Abschaffung - bei gleichzeitiger Zunahme der sozialpsychologischen Probleme in den Schulen.

Dank der Mobilisierung der GEW und des öffentlichen Protestes von Schulen und Eltern konnte dieses Vorgehen gestoppt werden: Die BL hatten bewiesen, dass ihre Arbeit an den Schulen unverzichtbar ist. Es gründete sich der Verband der Beratungslehrer Niedersachsen (vbn), der bis heute mit wissenschaftlicher Begleitung der Uni Hildesheim die BL-Arbeit begleitet und unterstützt. (www.beratungslehrer-niedersachsen.de)

Mit der Zunahme der Probleme in der Lehrerversorgung sowie der Entwicklung der „Eigenverantwortlichen Schule“ legt die Bildungspolitik immer weniger Wert auf psychologische und psycho-soziale Beratung. Die Stellen der Schulpsychologie wurden 2005 landesweit bis auf 66 reduziert, die Stunden für BL generell um 2 Stunden gekürzt. Seit Jahren werden Jahr für Jahr weniger BL neu zugelassen. Gleichzeitig benötigen Ratsuchende durch die Abschaffung der OS, durch die Einführung von Vergleichstests und Prüfungen, durch neue gesellschaftliche Probleme wie Cyber-Mobbing, Gewalt und Drogenmissbrauch gerade vor Ort Ansprechpartner.

Dessen ungeachtet legt nun Frau Heister-Neumann noch einmal nach und kürzt die BL-Stunden um eine weitere Stunde! Deutlicher kann man im Grunde nicht ausdrücken, wie gering man die schulpsychologische Beratung und die Beratungstätigkeit an den Schulen einstuft und wie wenig ernst man die Notwendigkeit dieser Kompetenz nimmt.

Halten wir uns vor Augen: Die Reduzierung von Schulpsychologenstellen auf mittlerweile nur noch 36 lässt Niedersachsen mit 27.000 SchülerInnen pro SchulpsychologIn auf dem letzen Platz aller Bundesländer rangieren (zum Vergleich: Hamburg 5.500). Mit der erneuten Kürzung der BL-Std. um nunmehr 60% wird gleichzeitig die bisher von qualifizierten Kräften durchgeführte Beratungstätigkeit in der Schule zur Bedeutungslosigkeit abgewertet.

Widerstand organisieren

Wie zum Hohn verkündete die Regierung im Sommer 2008 auf eine Anfrage der GRÜNEN, man habe „eine ausgeglichene schulpsychologische Versorgung sichergestellt“. Dabei scheint es das Ziel dieser Bildungspolitik zu sein, eine Ineffizienz der schulischen und schulpsychologischen Beratung zu provozieren, um deren Selbstabschaffung zu erreichen.

Damit das, wenn auch bisher noch nicht optimale, aber doch halbwegs handlungsfähige Beratungs- und Unterstützungssystem nicht zur Farce verkommen soll, gilt es, seiner Zerstörung einen breiten Widerstand von Schulen, Eltern, Gewerkschaften und Verbänden entgegenzusetzen, wie er schon einmal 1996 erfolgreich war! Nur dann kann zumindest ein Teil auch der wöchentlichen Beratungsaufgaben erledigt werden, deren Bearbeitung dazu dient, Schüler, Eltern und Lehrkräfte in ihrem Schulalltag zu unterstützen.



   
   
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