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23. August 2005
Anmeldezahlen für die fünften Klassen


Verlierer ist die Hauptschule

„Hannovers Eltern wählen die Hauptschule ab“, „Bluten die Nienburger Realschulen aus?“, „Riesenansturm auf Gymnasien“. So kommentieren die Zeitungen in großen Lettern die Anmeldezahlen an den weiterführenden Schulen ein Jahr nach Abschaffung der Orientierungsstufe. Drastische Worte! Aber sie geben die Tendenz richtig wieder, auch wenn die Zahlen der amtlichen Statistik erst im September veröffentlicht werden sollen.
Die Anmeldezahlen für die fünften Klassen zum Schuljahr 2005/2006, die die regionalen und überregionalen Zeitungen kurz vor Ferienbeginn nach Angaben der Schulen veröffentlicht haben, sprechen eine deutliche Sprache.
In Hannover sollen nach dem Willen der Eltern nur noch acht Prozent der Fünftklässler die Hauptschule besuchen, mehr als 50 Prozent sind fürs Abitur vorgesehen. Ähnlich in Osnabrück: 57 Prozent Anmeldungen für das Gymnasium, elf Prozent für die Hauptschule. In Oldenburg wird es im nächsten Schuljahr voraussichtlich 29 fünfte Klassen an den Gymnasien geben, neun mehr als vor einem Jahr. Nur noch 15 Klassen lassen sich an den Realschulen bilden, ein Minus von fünf. Es bleibt bei zehn Hauptschulklassen und acht Klassen an den beiden Gesamtschulen. Im Landkreis Vechta fällt das Ergebnis nicht ganz so drastisch aus: 37 Prozent Gymnasium, immerhin 19 Prozent Hauptschule.
Hauptschulen sind „Reform“- Verlierer
„Die Verlierer der Abschaffung der OS stehen fest: Die Hauptschulen“, meint der Vorsitzende des Landeselternrates, Hans-Jürgen Vogel. Aus Sicht der Befürworter einer möglichst langen gemeinsamen Schulzeit hat das Aus der OS den Trend deutlich verstärkt, dass immer mehr Eltern trotz fehlender Empfehlung ihre Kinder aufs Gymnasium schicken. Ingrid Eckel, Schulexpertin der SPD-Fraktion im Landtag dazu: „Das Ausbluten der Hauptschulen ist direkte Folge der Schulreform.“
Erstmalig lief das Gymnasium der Realschule bereits im letzten Jahr den ersten Rang als beliebteste Schulform ab. Der Trend verstärkt sich in diesem Jahr. „Niedersachsen ist nicht mehr das Realschulland. Zu Orientierungsstufen-Zeiten ging jeder Dritte zur Realschule, im vergangenen Jahr war es noch jeder Fünfte, und jetzt haben wir noch weniger“, kommentiert der Leiter einer Realschule in der Nähe von Oldenburg.
Es droht die Schließung von Standorten
Werden weiterhin so wenig Kinder an der Hauptschule angemeldet, droht in einzelnen Regionen des Landes die Schließung von Standorten. In der Landeshauptstadt mit einer Anmeldequote von nur acht Prozent wird darüber bereits offen nachgedacht.
Auch im Landkreis Hildesheim spitzt sich die Lage zu. Hier werden die Schülerzahlen des fünften Schuljahrgangs der Hauptschulen im nächsten Schuljahr wegen des geänderten Wahlverhaltens und der demografischen Entwicklung etwa um 30 Prozent geringer ausfallen als laut Schulentwicklungsplanung prognostiziert. Die Hildesheimer Landrätin hat deshalb „die Notbremse gezogen“, wie es wörtlich in der Presse heißt, und die Schulplanung auf Eis gelegt. Per Brief hat sie sich an Minister Busemann gewandt. In einer Presseerklärung des Landkreises heißt es dazu, dass diese Entwicklung „zumindest im Hauptschulbereich organisatorische Änderungen erforderlich machen würde. Um qualifizierte Angebote machen zu können, müssten Schulen zusammengelegt werden. Die Folge wäre, dass verschiedene Schulstandorte im ländlichen Bereich aufzugeben wären. „Geht die Entwicklung so weiter und hat eine Schule in der fünften und sechsten Klasse zusammen weniger als 24 Schülerinnen und Schüler, sind laut Erlass alle gemeinsam zu unterrichten. „Das wäre katastrophal, ein Rückfall in die Vergangenheit“, fürchtet der Vorsitzende des Kreiselternrats im Landkreis. Vor ähnlichen Problemen werden über kurz oder lang viele Schulträger stehen, vermuten Fachleute der Schulverwaltung des Landkreises.
Gymnasien laufen über

Zur gleichen Zeit laufen die Gymnasien über. „Die Kapazitätsgrenzen sind erreicht, mehr geht nicht“, klagt ein Schulleiter aus Oldenburg. „Fünfte Klassen werden proppenvoll“, kommentiert die Hannoversche Allgemeine Zeitung. In fast allen Gymnasien der Landeshauptstadt drängeln sich 31 oder meist sogar 32 Kinder in den Klassen. Zur Erinnerung: Zum August 2004 hatte das Kultusministerium die Klassenobergrenze bis zur zehnten Klasse am Gymnasium von 30 auf 32 angehoben. Das Kultusministerium kalkuliert damit, dass einige Schülerinnen und Schüler die Schule wieder verlassen müssen, da sie die entsprechende Empfehlung nicht haben. „Im fünften Jahrgang können bis zu 33 Kinder aufgenommen werden, weil es sein kann, dass Schüler noch mal wechseln“, sagt Ministeriumssprecher Weßling. Ein „Aufsteigen“ von Schülerinnen und Schülern gemäß Durchlässigkeitsverordnung wird bei dieser Art der Berechnung erst gar nicht mit in Erwägung gezogen.
Eltern wollen die Bildungschancen offen halten
Gymnasium, Realschule oder Hauptschule heißt nicht selten Studium, Lehre oder (vergebliche) Lehrstellensuche. Also entscheiden viele Eltern sich entgegen der Empfehlung der Grundschulen für die jeweils höhere Schulform, um Chancen zu wahren. „Die Arbeitsmarktsituation ist entscheidend. Das Ziel ist das Abitur. Die Eltern meinen, damit haben ihre Kinder deutlich mehr Chancen in der Berufswelt“, so ein Realschulrektor aus Nienburg.
Das Versprechen der Landesregierung, die Schülerinnen und Schüler erhielten an der Hauptschule eine solide allgemeine Bildung für Ausbildungsstellen in Handwerk, Industrie und Handel, entfaltet nicht die erhoffte Wirkung. Die Eltern sind skeptisch, ob beispielsweise die Umwidmung von 400 allgemein bildenden Unterrichtsstunden an den Hauptschulen in bis zu 80 Praxistage pro Schuljahr dazu führt, dass z.B. ein Dienstleistungsunternehmer lieber den Hauptschüler einstellt anstatt den Realschüler. Die Eltern trauen offensichtlich auch den Regelungen der Durchlässigkeits- und Versetzungsordnung wenig. Hauptschule, Realschule und Gymnasium sind zu stark voneinander abgeschottet. Allein unterschiedliche Stundenzahlen und Schwerpunktsetzungen in den Schulformen oder die Regelungen zur Fremdensprachenwahl machen einen Schulwechsel „nach oben“ im Laufe der Sekundarstufe I ausgesprochen schwierig oder: fast unmöglich.
Verlierer sind die Schülerinnen und Schüler
Die Verlierer dieser Entwicklung sind die Schülerinnen und Schüler.
Im strikt gegliederten niedersächsischen Schulsystem wird es insbesondere die 15 bis 20 Prozent treffen, die die Realschule oder das Gymnasium besuchen, ohne eine entsprechende Empfehlung zu haben. Der Erwartungsdruck der Eltern dürfte erheblich sein und die Lehrerinnen und Lehrer können trotz engagierter Arbeit oft nur wenig helfen. Es stehen kaum Stunden für Förderunterricht oder individuelle Beratung zur Verfügung, auch wenn in den Presseerklärungen des Ministeriums davon dauernd die Rede ist. Die großen Klassenstärken bewirken ein Übriges.
„Die müssen sich bei uns abstrampeln“, kommentiert der Leiter eines Gymnasiums. Bleiben die Schülerinnen oder Schüler sitzen oder müssen sie nach ein, zwei Jahren die Schule wechseln, demotiviert das zusätzlich und kostet Kraft und Zeit.
Durch das frühe Sortieren nach der vierten Klasse werden den Schülerinnen und Schülern Chancen und Zeit genommen, ihre Stärken individuell zu entwickeln.
Sinnvolle und erfolgreiche Alternativen verbietet das Niedersächsische Schulgesetz. Neue Gesamtschulen dürfen nicht gegründet werden, obwohl an allen Standorten die Anmeldezahlen die Kapazitäten erheblich überschreiten. Im Sommer gab es 6.030 Anmeldungen, 2.059 Schülerinnen und Schüler (34,1 Prozent) mussten abgelehnt werden. Um alle angemeldeten Kinder aufnehmen zu können, seien mindestens elf zusätzliche Gesamtschulen mit insgesamt 68 Klassen im fünften Schuljahrgang erforderlich, so die bildungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Ina Korter.
Integrierte Systeme wären sowohl in ländlichen Regionen als auch in den Städten eine sinnvolle - und zudem kostengünstige - Alternative. Keine neue Erkenntnis, aber eine, die mit den bildungspolitischen Zielsetzungen des Landesregierung (noch) nicht in Einklang zu bringen ist.

HENNER SAUERLAND

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