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11. Oktober 2006
Wie geht es weiter nach dem Schulabschluss?


„So wird das nichts mit dir, Torsten“!


Von Uwe Wehmhörner
Torsten ist ein normaler Schüler. Er hat wie ca. 40 % seines Jahrgangs den Realschulabschluss gemacht und sucht eine Lehrstelle. Seine Noten sind durchschnittlich, nicht gerade Spitze, aber er hat keine fünf im Abschlusszeugnis. Nach zehn Jahren Schule möchte Torsten endlich arbeiten. Er weiß zwar noch nicht genau was, aber er ist bereit sich zu informieren und den regionalen Ausbildungsmarkt zu beobachten. Das Betriebspraktikum während seiner Schulzeit war aus seiner Sicht ganz nett, er war bei einer Elektroinstallationsfirma sehr bequem direkt in seiner Wohngegend beschäftigt, aber schlauer, nein schlauer hat es ihn nicht gemacht bei seiner zukünftigen Berufswahl. „Torsten, so wird das nichts mit dir“, nerven schon seine Eltern. > mehr

Nach 10 Jahren Schule endlich arbeiten

Torsten macht sich schlau und kauft sich mehrere Tage hintereinander die regionalen und überregionalen Zeitungen, hört die lokalen Radiosender und holt sich einen Termin bei der Agentur für Arbeit.

Die Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit ist voll des Lobes, meldet das Sinken der Arbeitslosenzahlen im August 2006 und den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (129.000 gegenüber dem Vorjahr). Die wirtschaftliche Lage, so liest Torsten, ist so gut wie lange nicht mehr. Regierung, Wirtschaft und Börse melden Rekordzahlen. Und Torsten hat gelernt: Wachstum bedeutet Arbeitsplätze und dann ist alles gut!

Torsten liest weiter in der Pressemitteilung der Bundesagentur vom 31.8.2006: „Von Oktober 2005 bis August 2006 sind den Agenturen für Arbeit insgesamt 418.000 Ausbildungsstellen gemeldet worden, 2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang beruht auf weniger betrieblichen Stellen.“ Torsten rechnet, 2 % von 418.000 sind über 8.000 Ausbildungsplätze weniger. Wie das, denkt Torsten. Von allen Seiten höre ich, dass nur eine gute konjunkturelle Lage mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Torsten fragt sich, ob hier die Theorie oder die Praxis nicht stimmt.

Was stimmt nicht – die Theorie oder die Praxis?

Torsten liest aber weiter in der Pressemitteilung: „Gleichzeitig haben 702.800 Bewerber die Berufsberatung bei der Vermittlung einer Lehrstelle eingeschaltet.“ Torsten wird es schwindelig, denn 702.800 minus 418.000 ergibt mehr als 280.000, die rechnerisch keinen Ausbildungsplatz bekommen werden. Egal welchen. Torsten denkt weiter: „Moment, da stimmt etwas nicht. Ich kenne so viele Jungs und Mädchen, die gehen gar nicht zur Agentur für Arbeit. Die suchen sich so einen Ausbildungsplatz oder gehen gleich weiter zur Schule. Wer zählt denn die?“1

Torstens Eltern nerven: „Ist doch egal, was du lernst. Hauptsache du hast was und liegst nicht auf der Straße.“ Torsten liest den Ausbildungsstellenmarkt: „Inselbäckerei sucht Auszubildende/n – Anforderung: Mittlere Reife, Durchschnittsnote 3.“ Und: „Insiderfrisör in Hamburg sucht Auszubildende/n – Anforderung: gutes Abitur.“ Und: „Webdesigner bietet Ausbildungsplatz – Bist du bereit ein einjähriges Praktikum zu machen …?“ Und: „Ortsansässiger Praktischer Arzt sucht eine/n Auszubildende/n – Anforderung: Abitur, kein sichtbares Piercing oder Tätowierungen, Kundenfreundlichkeit, Mitarbeit im Team, ausbaufähiges Zeugnis.“ Wie das mit dem ausbaufähigen Abitur gemeint ist, versteht Torsten nicht. Bewerbung zwecklos.

Torsten gibt nicht auf

Torsten gibt nicht auf. Nach vielen Bewerbungen auf alles oder nichts, erhält er wenigstens ein paar Einladungen zu einem Vorstellungsgespräch und/oder Test. Ein echter Fortschritt für Torsten, denn gewöhnlich, das kennt er von seinen Freunden und Bekannten, erhalten die Jugendlichen keine Antwort auf ihre Bewerbungen, selbst wenn Briefumschläge für die Rückantwort mit Briefmarken frei gemacht worden sind.

Bei einem weltumspannenden Elektronikkonzern will man von den Lehrstellenbewerbern für Fachinformatik, Handelsfachleute und Handelsfachpackern die Daten des 1. Weltkrieges, die richtige Schreibweise von „Rhythmus“ und den Namen des russischen Präsidenten wissen. Torsten schafft den ersten schriftlichen Test und wird zu einem weiteren Meeting eingeladen. Ungewöhnlich, denn Torstens Notenschnitt ist schlechter als drei und über 2.000 Bewerber sind im ersten Rennen gewesen. Torsten ist guten Mutes.

Den schriftlichen Test bestanden, aber….

Leider fällt er im zweiten Auswahlverfahren (Assessment Center) raus. „Du bist zu schüchtern. Du kommst nicht aus dir raus. Du bist zu still und wartest ab, was passiert. Wir brauchen aber dynamische junge Menschen in unserem Weltunternehmen.“ Dabei wollte Torsten nur nett und freundlich sein, als sie in einer wild zusammengestellten Gruppe eine Collage zur Gesundheitsreform erstellen mussten. Wenigstens hatte die Personalchefin ein paar tröstende Worte für Torsten: „Sieh das Ganze doch positiv. Nun weißt du, was auf dich zukommt bei weiteren Bewerbungen. Nun hast du schon echte Erfahrung und davon kannst du nur lernen.“ Torsten fragt sich, wie oft er wohl durch so ein Bewerbungsverfahren durchfallen muss, bevor er „ausgelernt“ ist.

…im Assessment Center durchgefallen

Torsten hört im Radio einen Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks, der massive Defizite in den allgemeinen Kulturtechniken und in der Allgemeinbildung junger Ausbildungsplatzbewerber kritisiert. Zum Beweis schickt man ein Kamerateam in eine Thüringer Regelschule, das die Jugendlichen mit der Frage nach dem ersten deutschen Nachkriegskanzler konfrontiert. Wohlgemerkt. Natürlich entschuldigt Torsten das Nichtwissen der Thüringer Schülerinnen und Schüler; bei der Vergangenheit, zumindest deren Eltern, von denen man ja lernt. Oh, denkt Torsten, da war doch diese Sendung „Wer wird Millionär“ und da kam es zu einem dramatischen Absturz nach der Frage, wer denn die letzte DDR-Staatspräsidentin war. Na? In der gleichen Sendung des Mitteldeutschen Rundfunks erwartet dann übrigens die Eignerin einer mittelständischen Brauerei von den fünfzehnjährigen Bewerbern für eine Ausbildungsstelle, dass diese doch schon ordentliche Kenntnisse von Gerstensaft haben sollten. Torsten schaut vorsichtshalber in die Bestimmungen zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit und lässt es dann lieber mit einer Bewerbung.

Torsten ist frustriert

Armer Torsten. Die Situation wird schlechter. Nun muss sich Torsten auch noch anhören, dass er - wörtlich – „völliger Schrott“ sei. So die Aussage eines renommierten Berliner Kochs und Restaurantbetreibers, nachdem er dreihundert, durch die Arbeitsagentur vermittelte Bewerbungen erhalten hat.

Torsten gehört nun zu denjenigen, die nicht ausbildungsfähig sind. Die Bundesregierung und die Spitzenverbände der Wirtschaft haben am 16. Juni 2004 für die Dauer von drei Jahren einen „Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs“ geschlossen. Ziel dieses Paktes ist es, jedem ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen ein Angebot auf eine Berufsausbildung zu machen. Torsten hat verstanden. Da er kein Angebot bekommen hat, muss er also entweder „nicht ausbildungswillig“ oder „nicht ausbildungsfähig“ oder beides nicht sein. Torsten ist frustriert.

Im Ergebnis wird Torsten anfälliger für die Unsicherheiten, welche gerade eine moderne Gesellschaft bereithält; er nimmt Unsicherheit, Ungewissheit, Ambivalenz in sein eigenes Selbstkonzept und in die eigenen Handlungsentwürfe als selbstverständliche Merkmale auf. Er wird gleichsam instabiler sozialisiert und agiert entsprechend, damit moderner, nämlich flexibler.

Ein Indikator dafür sind übrigens sowohl die Vielfachbewerbungen auf Ausbildungsplätze wie die zunehmende Zahl von Ausbildungsabbrüchen (ca. 25%). Dies hat aber weniger mit mangelnder Kompetenz zu tun, sondern tatsächlich mit einer fehlenden Bereitschaft, sich auf einen Betrieb emotional einzulassen. Sie sind Indikatoren für Formen eines fortgeschrittenen Selbstmanagements, einer stärkeren Individualisierung. Jugendliche zeigen eine gesellschaftlich erzwungene flexible und individualisierte Lebensführung.

Dabei entstehen Paradoxa, die nun bewältigt werden müssen. Je mehr Kritik an Schulen geübt wird, umso mehr entstehen Zweifel an der Leistungsfähigkeit dieser. Die Jugendlichen vertrauen der Schule nicht mehr. Sie finden Schule als einen sozialen Lebenszusammenhang wichtig, aber sie zweifeln daran, dass diese Schule sie gut vorbereitet, etwa für das berufliche Leben. „Jugendliche haben nicht das Gefühl, dass die Schule sie angemessen auf das Berufsleben vorbereitet. Im Gegenteil: Schule wird zu oft als Ort des Misserfolgs und der Entmutigung erlebt.“ So Frithjof Nagel von der Bundesschülerkonferenz in einem Interview der Frankfurter Rundschau am 22.9.2006.

Abwärtsspirale erzeugt

Ein zweites Paradox besteht darin, dass diese Debatte um mangelnde Ausbildungsfähigkeit wie um fehlende Ausbildungsplätze eine Abwärtsspirale erzeugt. In der Öffentlichkeit, vor allem in den Wirtschaftsverbänden werden diese Debatten durchaus mit – wie das so schön heißt – inzentiver Absicht geführt. Die Jugendlichen, ihre Eltern und die Schulen sollen sich gefälligst anstrengen. Sie werden aber als Diskreditierungs- und Abwertungsprozesse empfunden, welche die Betroffenen in Selbstzuschreibungen verinnerlichen. Mehr noch, es sieht danach aus, dass die subjektiv empfundenen Risiken durch eine künftige Arbeitslosigkeit dazu angetan sind, die eigenen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken bzw. diese eher auf eine härte Gangart im Konkurrenzkampf zu lenken. „Pragmatische Generation“ nennen die Autoren der Shell-Jugendstudie 2006 die 12- bis 25-jährigen. Man könnte sie auch die nüchterne Generation nennen. Sie machen sich keine Illusionen darüber, dass jemand für sie einspringt, wenn sie den Schulabschluss vermasseln oder der Chef sie nach abgeschlossener Lehre nicht übernimmt. Die Angst, keine adäquate Beschäftigung und/oder Ausbildung zu finden ist in den letzten vier Jahren von 55 auf 69 % gestiegen (Shell-Jugendstudie 2006). Das klingt schon allein dramatisch, aber in absoluten Zahlen bedeutet es eine Katastrophe. Wir reden hier von 69 Prozent von fast 10 Millionen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren.

Torsten begibt sich zur Agentur für Arbeit und will seine Ausbildungsfähigkeit unter Beweis stellen, denn er hat eine Broschüre (Februar 2006) „Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife“, herausgegeben vom Nationalen Pakt (siehe Foto) in die Finger bekommen. Darin werden drei wichtige Begriffe, man muss schon sagen, „neu“ definiert. Ein wissenschaftlicher Hinweis, selbst ein klitzekleiner fehlt völlig. Es sind dies: Ausbildungsreife – Berufseignung – Vermittelbarkeit.

Zur Feststellung der Ausbildungsreife listet ein Kriterienkatalog verschiedene Merkmalsbereiche auf, an denen der „geschulte“ Agenturmitarbeiter die schulischen, psychologischen und physischen Merkmale eines Bewerbers anhand von Indikatoren operationalisiert (!). Erst nach dieser Feststellung einer Ausbildungsreife kommt, Torsten muss sich hier eine größere Hürde vorstellen, die Berufseignung, in der er für eine (bestimmte) berufliche Tätigkeit als geeignet bezeichnet werden muss. Hier ist aber noch nicht das Ziel von Torsten erreicht, denn nun kommt die Vermittelbarkeit und die ist leider für Torsten „erschwert“, weil: die „Einschränkungen können marktabhängig“ sein.

Armer Torsten – Pech gehabt. Du hast nach vielen Mühen deine Ausbildungsreife mannhaft unter Beweis gestellt, aber leider, leider gibt dein Markt keine Ausbildung her.

Und wieder hat es das Nationale „Pack“ geschafft, Hunderttausenden von Jugendlichen eine lange Nase zu zeigen. Das zynische Ziel des „Packs“, welches ja nie erreicht werde konnte und sollte, jedem ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen ein Angebot auf eine Berufsausbildung zu machen, wird schlicht und einfach um eine frei formulierte, wählbare und austauschbare „Vermittelbarkeit“ erweitert.

Torsten muss sich etwas anderes suchen. Er geht zu den berufsbildenden Schulen und gliedert sich ein in die Reihe der Hoffenden. „Hoffentlich bekomme ich in einem Jahr eine Ausbildung.“




 

 

 






   
   
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