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Novelle Niedersächsisches Schulgesetz - Materialien


November 2005
Ein Kommentar von Ulrich Hermann

Diagnose: Testeritis



Soll Schule betrieben werden, um bessere PISA-Rangplätze zu erreichen? Und nur in Kernfächern wie Deutsch und Mathematik? Wo bleiben die Lernfelder der reflexiven Selbsterfahrung und der kreativen Selbstdarstellung?
Wozu Schule? „Keiner fragt und Lehrer antworten?“ Beim Nobelpreisträger-Treffen in Berlin sagte der taiwanesische Chemie-Preisträger von 1986, Akademie-Präsident Yuan Tseh Lee, die Kinder sollten zu Hause nicht nach ihren Schulnoten gefragt werden, sondern danach, ob sie eine gute Frage gestellt hätten. Richtig, hätte Albert Einstein ihm zugestimmt: Eine besondere Begabung habe er, Einstein, nicht gehabt, aber er habe sich seine Neugier nicht unterdrücken und seine einfachen Fragen nicht verleiden lassen.
Wozu Schule? Sie soll durch Unterricht junge Menschen in vieler Hinsicht fördern und qualifizieren, erziehen und bilden. Das Kerngeschäft von Schule hat gleich mehrere gleichrangige Dimensionen: Kopf, Herz und Hand. Aus deren Geflecht ergeben sich für Kinder und junge Leute mit den unterschiedlichsten biographischen und kulturellen Hintergründen ganz unterschiedliche Anforderungen und Ansprüche, die man nicht über einen Leisten schlagen kann, nicht schlagen darf – es sei denn, Entmutigung, Auslese und Benachteiligung gelten mittlerweile als „normale“ Ziele unserer öffentlichen Schulen.
Man sollte „den einen Leisten“ auch deshalb vergessen, weil die Schule keine Maschine ist:
Gewollte Wirkungen und ungewollte Nebenwirkungen, steuerbare Leistungen und unwägbare Langzeitfolgen vermengen sich; durch das Auswechseln des einen oder anderen „Werkzeugs“ oder Steuerungsprogramms kann man nicht einfach beliebig ganz andere „Produkte“ erzeugen. Diese Einsicht droht hinter technizistischen Input-Output-Floskeln unterzugehen. Alle zwei Jahre sollen Pisa-Befunde erhoben werden; regelmäßig soll zentral und bundesweit getestet werden. Hinter der „Qualitätsentwicklung“, wie sie die KMK nennt (mit einem eigenen Institut in Berlin), steckt in Wahrheit die einfache Diagnose: Testeritis.
Was ist passiert? Haben die Lehrpläne und (zentrale) Prüfungen nicht immer schon schulische Mindeststandards formuliert und auch überprüft? Eben nicht: Von etwa einem Fünftel eines jeden Schüler-Jahrgangs werden sie in der schulischen Elementar- und Grundbildung nicht erreicht. Was ist zu tun? Kleinere Klassen, bessere Lehrer, modernerer Unterricht, also: Investitionen!
Stattdessen: Leistungsstandards, im Falschwörterbuch der KMK auch als „Bildungsstandards“ bezeichnet. Ursprünglich sollten Bildungsstandards förderlichen Zielvereinbarungen für den einzelnen Schüler dienen, jetzt werden Schülerkompetenz und Schulerfolg mit Leistungsstandards willkürlich auf Termine und Inhalte von wenigen Schulfächern festgeschrieben! Yuan Tseh Lee nennt dies „mentales Klonen“, oder: die organisierte Verhinderung von Neuem in jungen Köpfen. Dagegen wenden sich vehement profilierte Vertreter der Entwicklungs- und Bildungspädagogik, nicht aus selbstgefälliger oder hinterwäldlerischer Bildungsbürgerlichkeit oder aus Abneigung gegen Leistungsanforderungen. Sie warnen vielmehr vor der Zerstörung moderner erfolgreicher Unterrichtskulturen. Sie warnen vor dem Irrtum, punktuelle Leistungsfeststellung auf Knopfdruck mache einen Sinn. Sie warnen vor der Beschränkung auf fachbezogene Lernleistungen und vor der Vernachlässigung des eigentlichen Sinnes nachhaltiger schulischer Lernund Bildungsarbeit: der Förderung von selbstverantwortlichen Arbeits- und Bildungsprozessen. In Bayern und Baden-Württemberg klagen Lehrer, Eltern und Schüler, dass die Testeritis die Lust und die Luft zum Lernen und Leisten abdreht.
Schule soll neben der Vermittlung von fachlichen Kenntnissen und Fertigkeiten zum Eintritt in eine Berufsausbildung oder ein Studium an Hochschulen befähigen, zu selbstverantwortlicher Lebensführung anleiten, zu Respekt und Toleranz, zu sozialem und politischem Engagement in unserem Gemeinwesen ermutigen. Genau dies aber entzieht sich einer Erfolgskontrolle durch Leistungstests! Die Testeritis-Diagnose könnte sich deshalb rasch als eine System-Krankheit entpuppen.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau

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