30. November 2006
Länder stellen 1.400 Lehrkräfte weniger ein als von der KMK
erwartet
GEW: „Schere öffnet sich weiter“
Die Unterrichtsversorgung an den Schulen in Deutschland wird sich weiter verschlechtern.
Das befürchtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Blick
auf die Zahlen des „Lehrerarbeitsmarktberichts 2006“ der AG Bildungsforschung/Bildungsplanung
an der Uni Essen/Duisburg, die der Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm leitet.
Die Wissenschaftler und die Bildungsgewerkschaft haben die Untersuchung in Berlin
vorgestellt.
„Die Schere geht immer weiter auseinander: Die Länder stellen Jahr
für Jahr viel weniger Lehrkräfte ein, als die Kultusministerkonferenz
(KMK) 2003 in einer Lehrerbedarfsstudie festgestellt hatte. In vier Jahren klafft
zwischen Prognose und Realität eine Lücke von 16.200 Lehrkräften“,
sagte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne. Allein 2006 seien 1.400 Lehrer zuwenig
eingestellt worden. „Pädagogen, Eltern und Schüler spüren
die Folgen immer stärker: weniger Unterricht, mehr Stundenausfall und größere
Klassen. Die Landesregierungen sparen auf dem Rücken der Lehrkräfte.
Sie verordnen längere Arbeitszeiten und setzen auf Arbeitsverdichtung. Pädagogen,
Schüler und Bildungsqualität bleiben auf der Strecke.“ Offenbar
sei diese Entwicklung der KMK mittlerweile so peinlich, dass sie seit 2005 darauf verzichtet
hat, eigene Daten zur Lehrereinstellung zu veröffentlichen.
„Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr Zeit für Schüler: Für
erweiterte Ganztagsangebote, mehr individuelle Förderung und die Stärkung
der Kinder und Jugendlichen. Denn: Bildung eröffnet Lebens- und Berufschancen“,
unterstrich Thöne. „Mit ihrer Rotstiftpolitik verspielen die Landesregierungen
die Zukunft Deutschlands. Die sinkenden Schülerzahlen nicht zu weiteren
Einschnitten zu nutzen, wäre ein erster Schritt, in der Bildungsfinanzierung
umzusteuern. Die Mittel dürfen nicht in bodenlosen Haushaltslöchern
verschwinden.“
Alle in jüngster Zeit veröffentlichten Studien haben die Unterfinanzierung
des deutschen Bildungswesens und die im internationalen Vergleich unter dem Schnitt
liegenden Leistungen der Lernenden kritisiert. Um international Anschluss zu
halten, müsse deshalb, so der GEW-Vorsitzende, die Zahl der Akademikerinnen
und Akademiker deutlich erhöht werden.
„Das Diktat der Sparkommissare und der Bildungsföderalismus führen
zu einer paradoxen Situation: Während in Mathe und Physik an beruflichen
und Hauptschulen sowie vielen Regionen bereits heute Lehrermangel herrscht, haben über
26.000 junge Kolleginnen und Kollegen keine Stelle erhalten. Hochqualifizierte
Pädagogen, die an den Schulen dringend gebraucht werden“, betonte
der GEW-Vorsitzende. „Die Landesregierungen müssen den jungen Lehrkräften
jetzt gute Einstellungsangebot machen, sonst steuern wir wegen der anrollenden
Pensionswelle auf einen gravierenden Lehrermangel zu.“
In den östlichen Bundesländern werde gerade der Fehler aus dem Westen
wiederholt: Statt kontinuierlich Lehrkräfte einzustellen, haben auch 2006
nicht einmal 1.150 Pädagogen zwischen Rügen und Plauen den Einstieg
in den Beruf schaffen können. „So nimmt man eine künftige Überalterung
der Kollegien sehenden Auges in Kauf. Für qualifizierte und hoch motivierte
Lehrkräfte
sowie die erfolgreiche Werbung um junge Menschen zur Aufnahme eines Lehramtsstudiums
brauchen wir attraktive Einstellungsangebote: Sichere Arbeitsplätze, gute
Arbeitsbedingungen und Einkommen sowie ein positives Image sind die beste Versicherung
gegen Lehrermangel und die Verschleuderung von Entwicklungspotenzialen junger
Menschen und der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft“, sagte Thöne.
Info: Den Lehrerarbeitsmarktbericht 2006 können Sie im Internet unter www.gew.de abrufen.
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