Mai
2000
Das Bildungswesen unter dem Druck globaler Märkte
Die Schule in der Marktfalle
von Prof. Friedhelm Hengsbach
Schule unter dem Druck globaler Märkte. Das war das Thema eines Referates,
dass Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ (Frankfurt) anlässlich einer Tagung
von Unesco-Projektschulen in Hohenwart gehalten hat. Auf drei Fragen ging Hengsbach
dabei ein: Was versteckt sich hinter der so genannten „Globalisierung der
Märkte“? Stolpert die Schule in die Marktfalle? Und Wie bedrängt
die Krise der Arbeitsgesellschaft die Schule?
1. Der sogenannte Globalisierungsdruck Globalisierung“ ist
zum Modeund Zauberwort der zweiten Hälfte der 90er Jahre geworden.
Bei der Diskussion um globale Märkte geht es wohl weniger um ökonomische
Fakten, die statistisch nachweisbar sind, als viel mehr um Wahrnehmungsmodelle
und Deutungsmuster. Diese Behauptung kann an den im Zeitablauf veränderten
Titeln der Bestseller zu diesem Thema veranschaulicht werden: „Globalisierungsfalle“, „Fehldiagnose
Globalisierung“, „Globalisierungskomplex“, „Politische
Gestaltungsaufgabe der Globalisierung“.
Die Verwendung des
Begriffs der Globalisierung ist äußerst
diffus. Vorrangig dient das Wort als Chiffre, um die säkularen
sozioökonomischen
Veränderungen
seit 1989 zu kennzeichnen. Unter „Globalisierung“ wird
die expansive Eroberung der Entwicklungsländer durch das westliche
Wohlstandsmodell verstanden, in deren Verlauf traditionelle Kulturen
verschwinden, die Systeme einer kapitalistischen Marktwirtschaft
und einer formalen Demokratie sich ausbreiten und die Einbindung
der weniger entwickelten Wirtschaften in das von den Industrieländern
dominierte kapitalistische Weltmarktregime erzwungen wird. Aber auch
die Rückwirkung jenes „Globalisierungsdrucks“ der
Industrieländer auf die „kolonisierten“ Länder
des weltwirtschaftlichen Südens, nämlich eine zunehmende
und Wettbewerbsfähigkeit der neu industrialisierten Schwellenländer
sowie ein verschärfter Anpassungsdruck auf einzelne Unternehmen,
Branchen und Regionen in Industrieländern werden mit diesem
Begriff belegt. Gegenstand der öffentlichen Debatten in den
Industrieländern
ist ausschließlich dieser Gegendruck einer „reaktiven“ Globalisierung.
Häufig
wird mit dem Begriff der „Globalisierung der Märkte“ das
Merkmal der „Fragmentierung der Gesellschaft“ verbunden,
insofern die Tendenz einer polarisierten Entwicklung, die für
neu industrialisierte
Länder der dritten Welt festgestellt wurde, nun auch reife Industrieländer
erfasst und somit „global“ wird, dass nämlich die
gesellschaftliche Spaltung eine globale Begleiterscheinung des wirtschaftlichen
Wachstums ist. Schließlich entartet die Globalisierungsdebatte
zu einem Spiel mit Worthülsen. Ulrich Beck antwortet auf die
Frage: „Was ist Globalisierung?“ mit einer dreifachen
Unterscheidung, „Globalismus“ stehe für den Primat
des Weltmarkts, „Globalität“ sei mit der Existenz
einer Weltgesellschaft identisch, und Globalisierung bedeute den Übergang
aus der nationalen Enge und territorialen Falle in transnationale
Beziehungen. Die kollektiven Subjekte der Globalisierung seien der
Transnationalstaat, soziale Bewegungen und Bürgerinitiativen,
deren individuelle Subjekte „ortspolygame Lebensästheten“,
die – wie beispielsweise eine ältere Dame aus Tutzing – am
Victoriasee ebenso beheimatet sind wie am Starnberger See. Die Zukunft
der Menschheit werde in der Dialektik eines globalen Ausgriffs und
einer lokalen Bindung liegen, in der „Glokalisation“.
Die zeitliche Markierung der „Globalisierung“ ist nicht
weniger diffus. Als Referenzgröße der Periode nach dem
Zweiten Weltkrieg, als das Währungssystem von Bretton- Woods
etabliert war, dient die Zeit des Goldstandards. Andere sehen die
Phase fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse seit 1971/73
durch die Zeit floatender Wechselkurse abgelöst. Manche verweisen
auf die abweichenden Reaktionsweisen der Unternehmen und Staaten
nach den beiden Ölpreisschocks von 1973 und 1980. Ein säkularer ökonomischer
und gesellschaftlicher Schnitt wird im Zusammenbruch jener Kommandowirtschaften
und jener um eine einzige Partei organisierten Gesellschaften des
real existierenden Sozialismus 1989 gesehen, der den westlichen Ländern
ein zusätzliches Marktpotential für 400 Mio. Menschen bietet.
Und schließlich wird in den europäischen Ländern
und insbesondere in Deutschland die härteste Nachkriegsrezession
1993/94 zum Beginn
eines unvergleichlichen Aufbruchs in den Weltmarkt und in die Weltgesellschaft
stilisiert.
Wenn die zeitliche Datierung derart diffus ist, scheint es einen
dramatischen Globalisierungsschub nicht gegeben zu haben. Die „Globalisierung“ ist
ein langsamer, stetiger Prozess. Umso notwendiger ist es, den diffusen
Begriff zu präzisieren und in wenigstens vier Dimensionen der
internationalen Handelsverflechtung, der ausländischen Direktinvestitionen,
der Strategien transnationaler Unternehmen und der internationalen
Finanzmärkte zu zerlegen. Die Vermutung, auch die Arbeitsmigration
bilde eine merkliche Dimension der Globalisierung, kann nicht bekräftigt
werden, weil sich beispielsweise die EU mit verschärften Asyl-
und Ausländergesetzen gegen Arbeitsmigranten abgeschirmt hat.
Solchen Präzisierungen folgt ein relativierendes Urteil, aber
auch die Beobachtung qualitativer Veränderungen.
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