September
2005
Fünf
Einsprüche gegen die technokratische
Umsteuerung des Bildungswesens
Das Bildungswesen ist
kein Wirtschaftsbetrieb
Unstrittig steht eine strukturelle und inhaltliche Reform von Schule
und Hochschule auf der Tagesordnung. Es besteht kein Zweifel an
der Unterfinanzierung, der mangelhaften Effektivität und der
sozialen Ungerechtigkeit des Erziehungssystems. Der Steuerstaat
ist nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen in Zugzwang.
Die nun ins Werk gesetzten Maßnahmen
aber der politisch administrativen Bevormundung, der technokratischen
Steuerung und Kontrolle und der einseitigen ökonomischen Indienstnahme
von Erziehung, Studium und Forschung sind ungeeignete Mittel, den
Mängeln in Schule und Hochschule abzuhelfen. Reformen im Bildungswesen
werden gegenwärtig mechanisch, gegen
den Sachverstand der Lehrer und Hochschullehrer unter unerhörtem
Zeitdruck verordnet. Man gewinnt den Eindruck, all das geschehe,
damit das kritische Nachdenken über Sinn, Zweck und Folgen
dieser Anordnungen verhindert werde. Sowohl die Ergebnisse der
PISA-Studien als auch der sogenannte Bologna-Prozess werden politisch
instrumentalisiert und sollen
Steuerungs- und Kontrollillusionen nähren, die bereits in
den 70er Jahren enttäuscht wurden. Dass kritisch historische
Erfahrungen mit früheren Reformen ausgeblendet werden, ist
selbst ein Krisensymptom der Gegenwart. Wir melden uns heute mit
fünf Einsprüchen
zu Wort, damit nicht den Eindruck entsteht, die wissenschaftlichen
Beobachter des Bildungswesens hätten durchweg entweder selbst
die gegenwärtig stattfindenden Prozesse mit vorangetrieben
oder aber ihr Einverständnis durch Schweigen bekundet. Zugleich
hoffen wir, Verantwortliche in Politik und Verwaltung, Wissenschaft
und Öffentlichkeit zum Nachdenken zu veranlassen, bevor die
jetzigen Entwicklungen unwiderruflich schädliche Konsequenzen
haben.
1. Wir wenden uns gegen die Illusionen einer
alle politischen Parteien übergreifenden
Bildungspolitik, die das Bildungssystem nach betriebswirtschaftlichen
Mustern in den Griff zu bekommen sucht.
Wir bezweifeln nicht,
dass Schulen und Hochschulen sorgfältiger als bisher mit ihren
personalen und sachlichen Ressourcen umgehen müssen und dass
dazu auch betriebswirtschaftliche Planungsinstrumente nützlich
sein können. Erziehungs- und Wissenschaftsinstitutionen sind
aber von ihrer Zielsetzung her keine Wirtschaftsbetriebe. Sie stellen
keine verkäuflichen Güter her. Die verschiedenen Aufgaben
von Schulen und Hochschulen, von Erziehung und Bildung, Ausbildung
und Forschung, drohen aus der Balance zu geraten, wenn man Hochschulen
bzw. Schulen gegeneinander konkurrieren lässt und sie nur
noch daran misst, ob sie mehr Sponsorengelder einwerben, mehr marketable
skills zu erzeugen und mehr employability zu vermitteln wissen.
Wer betriebswirtschaftliche Denk- und Handlungsmuster zu dominierenden
Maßstäben
für die Arbeit in Schulen und Universitäten macht, drängt
die Schulen dazu, sich von weniger erfolgreichen Schülern
zu entlasten, und Wissenschaftler dazu, ihren Bildungsauftrag zu
vernachlässigen, um kurzatmige Auftragsforschung zu betreiben.
2. Wir widersprechen der völlig irreführenden Behauptung,
bei der gegenwärtigen Umorganisation der Bildungsinstitutionen
gehe es um mehr Autonomie von Schulen und Hochschulen
Wir teilen
die Auffassung, dass größere Autonomie und gleichzeitig
mehr Verantwortung eine Voraussetzung für die Reform von Schule
und Hochschule darstellen. Autonomie kann in diesem Zusammenhang
aber nur bedeuten, dass Mitglieder einer Institution selbst entscheiden,
welche Mittel und Wege geeignet sind, eigene oder vorgegebene Ziele
zu erreichen. Selbstverantwortete Praxis wird durch von außen
vorgeschriebene und erzwungene Kontroll-, Evaluierungs- und Akkreditierungsmaßnahmen
erstickt. Die Fixierung von Lehre und Forschung auf wenige Zielbereiche
und den dort messbaren output verändert die Tätigkeiten
und die Beziehungen in diesen Einrichtungen. Sie liefert die Lehr-Lernprozesse
und das Studieren faktisch den formalen Kriterien aus, welche die
standardisierenden Mess- und Anrechnungsmethoden vorschreiben.
Sie bringt es mit sich, dass das Lehren und Studieren nach Güte-
und Erfolgskriterien gesteuert und bewertet wird, die weder mit
Rücksicht auf die
spezifischen Qualitäten von Sachgebieten noch im Hinblick
auf die Entfaltung von Bildung entwickelt worden sind. Sie verengt
den Sinn wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens. Die angediente
Autonomie erweist sich real als verschärfte Fremdbestimmung.
3. Wir halten es für einen folgenschweren Irrtum, wenn
behauptet wird, Erziehungswissenschaft erfülle ihren öffentlichen
Auftrag nur dann, wenn sie unmittelbar verfügbare und kurzfristig
nutzbare Ergebnisse für Politik und Praxis zeitige
Gewiss
stehen gerade die Bildungswissenschaften in der Verantwortung,
die Praxis von allen im Bildungsbereich Tätigen forschend
und reflexiv zu durchdringen und so zu helfen, deren Handeln bewusster
und effektiver zu gestalten. Ebenso gewiss wurde die von der Politik
erwartete Möglichkeit der Gestaltung der Praxis durch die
Wissenschaft in der Vergangenheit oft folgenreich überschätzt.
Als Agentur des bloßen consultings und controllings verliert
Wissenschaft freilich ihre die jeweiligen Praxisbedürfnisse übersteigende
Kraft. Das heißt auf Bildung und Unterricht bezogen: Es muss
in der Gesellschaft einen Ort geben, an dem wissenschaftlich über
die Grenzen und Möglichkeiten von Erziehung und Bildung in
der Moderne nachgedacht, handlungsentlastet geforscht und diskutiert
wird. Dies ist nur denkbar, wenn man vielfältige theoretische
und empirische Mittel nutzt. Eines der Medien dieser Reflexion
ist die Rückbeziehung der gegenwärtigen Probleme auf
ihre historischen Voraussetzungen und philosophischen Grundlagen.
Ohne die Aufnahme
der reflektierenden Kritik verkommt Bildungspolitik und Bildungspraxis
schnell zu einer Hektik von Maßnahmen und zu blinder Anpassung
an die jeweils als neue Lösung propagierte Reformmode.
4. Wir protestieren gegen die weitere Aushöhlung von universitären
Studiengängen – insbesondere auch in der Lehrerausbildung – durch
ihre zunehmende Verschulung.
Niemand bestreitet, dass im Prozess
der wissenschaftlichen Selbstbildung Fähigkeiten und Kenntnisse
lernend erworben werden müssen. Für sie sind schulförmige
Lehrgänge im herkömmlichen Sinn angemessen. Auch erscheint
uns als unzweifelhaft, dass künftige Lehrer im Studium auf
die professionelle Bewältigung von regelmäßig zu
erwartenden Aufgaben vorbereitet werden sollen, dies aber heute
an den Hochschulen nicht zureichend
geschieht. Die gegenwärtig angelaufene Umstellung löst
aber dieses Problem nicht, sondern sie geht einher mit der Vernichtung
der auf Selbstverantwortung der Studierenden setzenden akademischen
Bildungstradition. Sie ruiniert in der Folge auch die bildende
Funktion der Schulfächer. Universitäre Bildung im Medium
der Wissenschaft ist die Voraussetzung dafür, dass Lehrerinnen
und Lehrer in ihrem pädagogischen Tun Bildung im Sinne wachsender
Urteilsfähigkeit und gedanklicher Selbstständigkeit ermöglichen
können. Wer die Studierenden um die ungegängelte Begegnung
mit offenen Forschungsfragen bringt und das Studium statt dessen
auf die Aneignung von Berufsfertigkeiten verkürzt, degradiert
die künftigen Lehrerinnen und Lehrer im vornhinein zu Instruktionsangestellten,
die nur noch Plänen und Anweisungen zu folgen gelernt haben,
die höheren Orts für sie entworfen wurden.
5. Wir widersprechen der vorherrschenden Meinung,
die Festlegung und Durchsetzung von Leistungsstandards zur Überprüfung
von Basiskompetenzen sei ein geeignetes Mittel, um der demokratischen
Forderung nach größtmöglicher
Gleichheit der Bildungschancen Genüge zu tun.
Die Tatsache
bedrückt, dass eine skandalös große Gruppe von
Schülern nicht einmal den bescheidenen Kern und Kanon bestimmter
Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben, Rechnen, in Natur- und Gesellschaftskunde
erreicht. Bildungsstandards könnten bei der Lösung dieses
Problems eine Hilfe sein, sofern mit ihnen schulisches Lehren eine
Orientierung erhielte und Lernbedingungen optimal gestaltet würden.
Werden sie aber lediglich für punktuelle Leistungstests genutzt,
auf die im Unterricht mit großem Zeitdruck hingearbeitet
wird, zerstören sie die pädagogische Lernkultur der Schule.
Wenn Regulierungen überborden, erstickt das Recht der Jugend
auf eine offene Zukunft, das ein Recht auf Zweifel, wirkliches
Verstehen, auf umwegreiche Annäherung, auf Langsamkeit und
die Durchdringung individueller Betroffenheiten und Schwierigkeiten
ist. Das gilt für alle Bildungseinrichtungen und Bildungsinhalte,
von der Grundschule bis zur Universität.
Die gegenwärtige Bildungspolitik zeigt keine ernst zu nehmenden
Anstrengungen, die Ungleichheit der Bedingungen und Chancen für
Bildung zu beseitigen. Statt dessen setzt
sie auf die permanente Bedrohung und Kontrolle durch Tests und
Prüfungen,
welche die Leistung von Schülern und Lehrenden erhöhen
sollen. Standardisierung auf der gegebenen
Basis von Ungleichheit der Bildungsangebote wird die soziale Spaltung
und Hierarchisierung der Gesellschaft, soweit sie von Bildung abhängen,
verschärfen. Das ist in einer freiheitlichen und demokratischen
Rechts- und Gesellschaftsordnung nicht hinzunehmen.
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Wer heute in Schulen und Hochschulen den laufenden Umstellungsprozess
beobachtet, gerät ins Staunen darüber, wie sich die Innovationsinstrumente
gegenüber
den ursprünglichen Zwecken verselbstständigt haben. Es
ist nicht die Zeit, gelassen zuzuschauen, bis die Hoffnungen des
technokratischen Umbaus des Bildungssystems wie Seifenblasen zerplatzen.
Die Umstellung ist bereits äußerst wirksam. Ihr universeller
systemischer Charakter verstellt auf lange Zeit den Raum für
alternative Reformbemühungen. Sie etabliert Lenkungsstrukturen,
die Wissenschaft und Bildung einseitig an externen Zwecken ausrichten
und sie damit behindern, anstatt möglichst viele Menschen
für
ein unverkürztes Weltverständnis und Wahrheitsstreben
zu gewinnen.
Andreas Gruschka (Frankfurt/M.), Ulrich Herrmann (Tübingen),
Frank-Olaf Radtke (Frankfurt/M.), Udo Rauin (Schwäb. Gmünd),
Jörg
Ruhloff (Wuppertal), Horst Rumpf (Frankfurt/M.), Michael Winkler
(Jena)
Text ist hier zum
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