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Publikation
und Presse
21.
Juni 2005
Jugendliteratur und Medien — Informationsmaterial
für eine Unterrichtseinheit
Drachen — Ungeheuer oder Glücksbringer?
Es ist wohl nur schwer ein Mensch aufzutreiben, der
sich unter einem Drachen – womit kein mit Papier bespanntes Holzgestell
gemeint ist – nichts vorstellen kann. Drachen gehören, neben
den Elfen, Zwergen und Feen, in unserer Kultur zu den bekanntesten mythischen
oder magischen Wesen. Auch die jüngsten Schülerinnen und Schüler
haben in diesem Bereich konkrete Vorstellungen.
Was genau sich ein Mensch aus unserem Kulturkreis allerdings unter einem
Drachen vorstellt, lässt sich nicht genau vorhersagen. Weder über
die Größe noch über seine Farbe, die Fähigkeiten
oder seinen Charakter herrscht Einigkeit. Zu sehr unterscheiden sich Mythen
und Legenden, auf denen die Vorstellung vom Drachen beruht, in Abhängigkeit
von Zeit und Ort ihrer Entstehung. Entsprechend unterschiedlich sind die
Vorstellungen, die Autoren und Autorinnen in ihren Werken verwenden und
weiter entwickeln, womit sie wiederum die Vorstellungswelt der Leserinnen
und Leser beeinflussen. Allein Michael Endes „Fuchur“ in der
„Unendlichen Geschichte“, der ein Glücksdrache ist, hat
das Drachenbild ganzer (Leser- )Generationen beeinflusst, denn in Europa
war der Drache an sich traditionell riesig, böse und hockte auf einem
gestohlenen Schatz. In Asien dagegen war er schon immer ein Symbol für
das Glück und für das Kaisertum.
Die Entstehung der Drachen
Der Begriff „Drache“ stammt vom griechischen „Drákon“
ab und bedeutet „der starr Blickende“. Er bezeichnet ein Mischwesen,
das Charakteristika von Schlangen, Löwen, Krokodilen und anderen
Tieren aufweisen kann. Im Mittelalter wäre niemand auf die Idee gekommen,
sich über die Herkunft von Drachen Gedanken zu machen. Sie waren
wie alle Geschöpfe Kreaturen Gottes. Mythologische Erzählungen
von Drachenkämpfen (Marduk gegen Tiamat, Herakles gegen die Hydra,
Beowulf gegen Grendel, Siegfried gegen Fafnir usw.) existieren in allen
Kulturen. Doch im 17. Jahrhundert begann man sich zu fragen, ob solche
Untiere tatsächlich existieren konnten. Aus Dinosaurierknochen, Fledermäusen,
Fossilien und mumifizierten Rochen erschuf man „Belege“ für
ihre Existenz. So erhielt manche Höhle, z.B. das Drachenloch bei
Vättis in der Schweiz, ihren Namen, weil man die Knochen von Höhlenbären
in ihnen gefunden und missgedeutet hatte. Und sind nicht die Krokodile,
Meeresschlangen und Komodo-Warane lebende Nachfahren der Drachen?
Der Drache im Fernen Osten
In Asien besaßen die Drachen von jeher eine positive Bedeutung.
Sie gelten als göttliche Wesen, die den Menschen beschützen
und beschenken. So ist Lung der chinesische Drache,
der die Chinesen vor einer Sintflut bewahrte und dem Kaiser das kreisförmige
Diagramm des Yin und Yang enthüllte. Der Drache war viele Jahrhunderte
lang das Emblem des Kaisers, der auf dem Drachenthron sitzt. Der chinesische
Drache hat Hörner, Klauen und Schuppen und zahlreiche Stacheln. Meist
wird er mit einer Perle dargestellt, in der seine Macht und seine Weisheit
liegen, die er verliert, wenn ihm die Perle genommen wird.
Der Drache im Abendland
Im westlichen Mythos wurde das Bild des Drachen bereits in der Antike
geprägt. Drachendarstellungen finden sich z.B. auf Steinreliefs in
Italien und Griechenland. Im Christentum galt der Drache als Verkörperung
von Satan und musste besiegt werden. Mittelalterliche Sagen wie „Der
Drachentöter St. Georg“, der Tatzelwurm und der Drache aus
der Nibelungensage transportieren ein Drachenbild, in dem der Drache ein
Monster aus grauer Vorzeit ist. Die bekanntesten abendländischen
Drachen sind Niddhöggr, der an der immergrünen Weltesche Yggdrasil
nagt, welche die Reiche der Götter, der Riesen, der Menschen und
der Zwerge miteinander verband und das All umschloss, und die Midgardschlange
Jörmungand aus der nordischen Mythologie. Fafnir, der ursprünglich
auch aus dem Sagenkreis um Odin, Thor und Loki stammt, ist wohl der berühmteste
„deutsche“ Drache. Er bewachte den Nibelungenhort und wurde
von Siegfried von Xanten erstochen.
Drachen in der Literatur
Tiamat, aus dem Gilgamesch-Epos, dürfte der erste in einer schriftlichen
Quelle erwähnte (weibliche) Drache sein. Sie war die babylonische
Urmutter der Götter und der Drachen. Seither tauchen Drachen immer
wieder mit unterschiedlicher Intensität und Ausprägung in der
Literatur auf. Ihren Siegeszug begannen die Drachen mit der Entstehung
der Fantasy-Literatur. So sind der Drache Smaug aus dem „kleinen
Hobbit“ oder die „geflügelten Schatten“ von J.R.R.
Tolkien sicherlich genauso Anregung für zahlreiche neuere Fantasy-Werke
gewesen wie Michael Endes „Fuchur“ oder „Frau Mahlzahn“,
während Joanne K. Rowling in den Harry-Potter Romanen nicht nur „Norbert
den norwegischen Stachelbuckel“ auftauchen lässt. Bei ihr gibt
es, wie in vielen anderen Fantasy-Romanen auch, verschiedene Drachenarten
mit unterschiedlichen Eigenschaften, Lebensräumen und Fähigkeiten.
Drachen in der Jugendliteratur
„Eragon, das Vermächtnis der Drachenreiter“
von Christopher Paolini, Cbj, 19,90 Euro
Eragon, ein 15-jähriger Junge lebt zufrieden bei Onkel und Cousin
in der Nähe eines kleinen Dorfes. Doch seine Zufriedenheit verschwindet
schlagartig, als er einen geheimnisvollen Stein findet und mit nach Hause
nimmt. Kaum ist aus dem Stein, der sich als Ei entpuppt hat, ein Drache
geschlüpft, wird sein Onkel ermordet und der Hof in Brand gesteckt.
Eragon nennt seinen Drachen Saphira und findet in dem alten Brom, einem
Geschichtenerzähler mit geheimnisvollen Kenntnissen und Fähigkeiten,
einen guten Freund und Lehrer. Von Brom erfährt Eragon, dass der
König an die Macht gekommen ist, weil er die Drachenreiter vernichtet
hat. Auch Saphira will der König haben. Nach und nach lernt Eragon
seine magischen Fähigkeiten kennen, die er auch prompt gegen die
Söldner des Königs einsetzen muss, um sich und Saphira zu verteidigen.
Als Brom stirbt, gewinnt Eragon mit einer geheimnisvollen Elfe, die er
befreit, und dem sonderbaren Murtagh neue Verbündete. Trotzdem muss
er einen sicheren Unterschlupf suchen. Den findet er bei den Varden, in
ihrem Reich kommt es zu einer vorerst entscheidenden Schlacht. Doch es
ist abzusehen, dass wenigstens noch zwei Bände folgen werden. Christopher
Paolini war fünfzehn, als er mit diesem Buch begann, und er kann
sicherlich
als Star Wars Fan gelten, denn seine Plotführung erinnert in vielen
Details an diese Saga. Trotzdem handelt es sich um ein spannendes Buch,
das auf 600 Seiten einen eigenen, in sich logischen Kosmos entstehen lässt,
in den man sich gern entführen lässt.
Drachen in der Kinderliteratur
„Der Drache Gertrud“ von Ralf Isau, omnibus, 4,90
Euro
Im Königreich Drahtigistan könnte alles in bester Ordnung sein.
Doch den kleinen König Lix plagen ernste Sorgen. Der Drache Gertrud,
der so lange Haus- und Hof-Drache des Landes war, ist unglücklich.
Ihr Mann ist verstorben, Nachwuchs hat sie auch keinen und nun wird sie
auch noch kurzsichtig. So passiert es schon einmal, dass sie einen Baum
platt trampelt oder eine Weide versengt. Als der König keine Lösung
findet, bittet er seine Untertanen um Hilfe und verspricht ihnen als Belohnung
die Hand seiner Tochter. Nach einigen erfolglosen Versuchen macht sich
schließlich der Schmied Josua an die Arbeit. Doch er geht nicht
mit Schwert und Lanze gegen den Drachen vor, sondern mit Köpfchen
und handwerklichem Geschick und die Hand der Prinzessin will er auch nicht.
In wunderbar leichtem Tonfall erzählt Ralf Isau eine liebevolle Drachengeschichte,
in der die Beweggründe der Helden alle ein wenig anders sind als
gewohnt. Gekonnt erfüllt er ein Klischee, um das nächste um
so erfolgreicher zu brechen.Sowohl zum Vorlesen als auch zum selber Lesen
eine ausgesprochen fantasievolle Geschichte für alle ab 8 Jahren.
„Drachenreiter“ von Cornelia Funke im Dressler
Verlag
In einem abgelegenen Tal herrscht Aufregung. Stimmt es wirklich, dass
Menschen kommen und das ganze Tal überfluten wollen? Die Drachen,
die sich hierher zurückgezogen haben, beratschlagen, was zu tun ist.
Lung, ein junger, mutiger und abenteuerlustiger Drache folgt dem Rat des
weisen Schieferbart und macht sich auf, den Saum des Himmels zu suchen,
die ursprüngliche Heimat der Drachen. Doch nicht nur er, der Junge
Ben und das Koboldmädchen Schwefelfell sind dorthin unterwegs, auch
der geheimnisvolle Goldene Drache hat schon seine Raben auf die Suche
geschickt. Er will alle Drachen vernichten. Auf ihrem Weg treffen die
Verbündeten immer wieder auf Menschen, die ihnen freundlich gesonnen
sind und ihnen weiterhelfen. Trotzdem geraten sie und die noch lebenden
Drachen in immer größere Gefahr. Einer der spannendsten Aspekte
an diesem Buch ist, dass fast alle Helden sich im Lauf der Geschichte
entwickeln. Und nicht immer ist eindeutig, wer gut und wer böse ist
und wer überhaupt die Wahl hat.
„Drachenzähmen leicht gemacht – ein Handbuch für
Wikinger von Hicks dem Hartnäckigen“ von Cressida
Cowell, Arena Hicks, der Sohn des Häuptlings, und alle anderen Jungen
in seinem Alter müssen die Reifeprüfung zum “Drachenmeister”
ablegen. Doch Hicks und sein Freund Fischbein gehören nicht wirklich
zu den großen Raufbolden und Helden. Hicks hält es eher mit
dem Nachdenken und Nachfragen als mit dem Draufhauen. Eine der ersten
Aufgaben besteht darin, einen Drachen aus der Aufzuchthöhle der wilden
Drachen zu stehlen, ohne dass die Drachen aufwachen und alle Jungs töten.
Wider Erwarten gelingt es beiden, einen Drachen zu ergattern. Nun müssen
sie ihn bloß noch zähmen. … Als auch noch zwei hungrige
Seedrachen am Strand der Insel Wattnbengel auftauchen, wird aus der geplanten
Einführungsfeier der jungen Krieger ein Drama. Glücklicherweise
kann Hicks, obwohl es streng verboten ist, die Sprache der Drachen sprechen,
sodass er sich und alle anderen Stammesmitglieder retten kann. Wer bisher
noch nicht an Drachen glaubte, wird in diesem Buch eines Besseren belehrt.
Alle Angaben in der Erzählung werden wissenschaftlich untermauert
und mit Zeichnungen belegt. Neben einer spannenden Geschichte um Mut,
Freundschaft und innere Stärke, wird eine völlig neue, in sich
glaubhafte Welt entworfen, der man wohl gern einmal einen Besuch abstatten
würde, sei es nur, um einen “Riesenhaften Alptraum” beim
Fischen zu beobachten. Die zahlreichen Zeichnungen passen hervorragend
zum Stil des Buches und ergänzen es harmonisch.
„Drachen gibt’s doch gar nicht“ von
Jack Kent, Ravensburger, 6,50 Euro
Eines Morgens sitzt ein kleiner Drache auf Felix’ Bettkante. Der
nette Drache freut sich als er von Felix gestreichelt wird. Aber die Mutter
sagt: „Drachen gibt’s doch gar nicht“. Also ignoriert
Felix ihn. Langsam fängt der Drache an zu wachsen und die Mutter
muss um ihn herum das Haus putzen. Erst als er zu groß wird, wird
er endlich beachtet. „Ich weiß es auch nicht“, sagt
Felix, „aber ich glaube, er wollte einfach nur, dass man ihn bemerkt
und ihn lieb hat.“ Am Ende ist der neue Hausbewohner so klein wie
zuvor. Jack Kent erzählt eine einfache Geschichte, die eine starke
Botschaft beinhaltet: Es ist wichtig von anderen verstanden und geliebt
zu werden.
Weitere Leseempfehlungen:
„Drachenblut-Trilogie“ von Jane Yolen, Beltz,
7,90 Euro je Band,
„Das geheime Drachentreffen“ und „Der
geheimnisvolle Drachenstein“ von Cornelia Neudert, Baumhaus
Verlag, 9,90 Euro, 8,90 Euro.
„Midgard“ von Wolfgang und Heike Hohlbein,
Carlsen, 8,80 Euro.
„Copper und das Vermächtnis des Drachen“
von Rebecca Lisle, dtv junior, 7,50 Euro.
„Der kleinste Dinosaurier“ von Julia Donaldson
und Axel Scheffler, Beltz & Gelberg, 4,90 Euro.
„Ein Drache in der Schultasche“ von Bruce Coville, Ravensburger,
9,95 Euro.
„Das Geheimnis von Drachenland“ von Frauke Nahrgang, Edition
Bücherbär, 8,50 Euro.
Ausführliche Rezensionen finden Sie unter: www.ajum.de.
Schreibimpulse für Ihre Drachenwerkstatt
Jemand findet ein Drachenei ...
Jemand wird in ein Land versetzt, das von Drachen bewohnt ist und in dem
er der einzige
Mensch ist ...
Jemand lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Drachen ...
SABINE HARTMANN
Nicht nur ein Märchen. Marjaleena Lembcke, Sybille
Hein (Ill.) Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen,
NP Buchverlag, 2004, 128 S., 16,90 Euro
Es beginnt wie im Märchen: Die Königsfamilie lebt in einem prächtigen
Schloss, umgeben von einem wunderschönen Rosengarten. Alles ist märchenhaft,
die fünf Türme, die Zimmer, der Ballsaal und das Lesezimmer
mit Märchen aus aller Welt. Gerade hat die Geschichte angefangen,
da hört sie auch schon auf. Den Grund erfährt der junge Leser
im zweiten Kapitel.
Der Schriftsteller hat das Märchen noch nicht zu Ende geschrieben
und die Figuren wissen nun nicht, was sie zu tun haben. Kurz entschlossen
verlassen König, Königin und Prinzessin Rosarot die beschriebenen
Blätter, um den Schriftsteller in der Stadt zu suchen. Sie betreten
eine fremde Welt, in der sie unsichtbar sind und niemand ihre Sprache
versteht. Zum Glück treffen sie andere Figuren aus unfertigen Geschichten,
die auch auf der Suche nach ihrem Autor sind und mit denen sie sich unterhalten
können. Schließlich finden sie den Schriftsteller im Verlies
des Grafen von
Eselsbrücken. Begleitet von dem lesehungrigen Drachen wandert die
Gesellschaft ins Märchenschloss, hinein ins Märchen. Nun hat
der Schriftsteller keine Mühe mehr, die Geschichte zu Ende zu schreiben,
sie schreibt sich fast von allein. Marjaleena Lembcke stiftet mit „Ein
Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen“ Verwirrung
beim jungen Leser. Wie soll man z.B. verstehen, dass die Schrift des Dichters
verwischt, wenn die Prinzessin weint? In der doppelbödigen Geschichte
sind Realität und Fiktion schwer zu unterscheiden.
Der Reiz der Erzählung liegt darin, dass der Schriftsteller zunächst
das Schicksal seiner Figuren lenkt, zeitweise aber die Kontrolle über
sie verliert. Er hat es mit selbstbewussten Protagonisten zu tun, die
ihm sagen, wie es weiter geht. Jüngere Leser erkennen die Versatzstücke
aus der Märchenliteratur, erfassen aber noch nicht die verschiedenen
Ebenen der Geschichte. Älteren Lesern erschließt sich die Struktur
im Verlauf der Handlung.
Die humorvolle Erzählweise der Autorin, das Spiel mit Wörtern
und Redensarten erfassen Kinder intuitiv, auch wenn sie nicht alles verstehen.
Sybille Hein begleitet mit schwungvollem Strich und in zarten Aquarelltönen
die Märchengesellschaft und den Schriftsteller auf ihrer phantastischen
Reise. In ihren Collagen setzt die Illustratorin besondere Akzente mit
Buchstaben und Zahlen, Schriftstücken und fliegenden Blättern.
Empfehlenswert für die Familienbibliothek und für die Märchenecke
in der Schulbibliothek.
Zum Vorlesen ab 6, für Leser ab 8.
ULLA REMMERS
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