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Allgemein bildende Schulen

 

13. November 2006
Ein Kommentar zur Veröffentlichung der Abiturdurchschnittsnoten in Form eines Rankings

Gutes Abi, nichts im Kopf

 

Aha. Jetzt ist es also erwiesen. Das Gymnasium Soltau hat in Niedersachsen die schlechtesten Schüler. Die Schule belegt im ersten niedersächsischen Ranking der Abiturdurchschnittsnoten, das der Kultusminister Busemann in dieser Woche vorstellte, den letzten Platz. In Hannover hingegen ist die Welt noch in Ordnung. Am Kaiser-Wilhelm und Ratsgymnasium liegt der Durchschnittswert gut eine Note niedriger. Der Wert von 2,11 scheint zu belegen, dass hier die Schüler besonders leistungsstark sind. Die Presse jedenfalls hat die Zahlen in ihren Artikeln in dieser Weise präsentiert.

Ist es eigentlich zwingend, die Daten so zu deuten? Kultusminister Busemann hat in seiner äußerst knappen Presseerklärung zur Veröffentlichung des Rankings darauf hingewiesen, dass man das Material differenziert betrachten müsse. Nur - und das muss jeden Bürger aufschrecken - beweist er nicht, dass er selbst dazu in der Lage ist. An keiner Stelle der Erklärung findet sich ein Hinweis, wie die Daten denn von ihm - immerhin dem Leiter der für die Schulen zuständigen Behörde - gedeutet werden. Und damit verkommen die Zahlen zu einer Gummimasse, die je nach Belieben und politischer Couleur in alle Richtungen interpretiert werden können. Wie? Das glauben Sie nicht? Hier kommt der Beweis:

Deutung Nr. 1: Tatsächlich zeigen die Daten des Gymnasiums Soltau, dass die dort ansässigen Lehrer ihre Korrekturarbeit akribisch wahrnehmen. Schüler bekommen hier das Abitur nicht wie am Kaiser- Wilhelm-Ratsgymnasium nachgeworfen, sondern müssen hart dafür arbeiten.

Sie mögen diese Deutung nicht? Wie wäre es mit dieser: Dass das Kaiser-Wilhelm und Ratsgymnasium in Hannover Spitzenreiter im Ranking ist, kann nicht überraschen. Schließlich findet sich hier eine Klientel aus den sozial privilegierten Stadtteilen Hannovers ein. Für die Eltern dieser Schüler hat Bildung einen so hohen Stellenwert, dass sie sich dies etwas kosten lassen. Kaum ein Schüler wird daher einen Computer missen oder mit geliehenen Büchern, in die er sich keine Bemerkungen notieren darf, arbeiten müssen. Ganz anders im strukturschwachen Soltau.

Vielleicht gefällt Ihnen diese Variante: Das Kaiser-Wilhelm - Ratsgymnasium wurde in diesem Jahr von einem besonders guten Abiturjahrgang überrascht, während die Abiturnoten der Absolventen am Gymnasium Soltau dieses Mal unter das Niveau der Vorjahre fielen.

Wie gesagt, die Daten lassen sich in jede Richtung interpretieren. Probieren Sie es einmal.

Was sagen die Werte nun aus? Nichts? Im Gegenteil. Tatsächlich sind nicht die einzelnen Daten interessant, sondern die Tatsache, dass sie in dieser Form veröffentlicht wurden. Offenbar geht Minister Busemann davon aus, dass man aus ihnen irgendetwas erkennen kann, das keiner Erklärung bedarf. Denn nur so lässt sich verstehen, warum das Ministerium eben diese vermissen lässt. Das kann zweierlei bedeuten:

1. Das Kultusministerium sieht keine Notwendigkeit für eine Interpretation. Das wäre schlimm, denn dann wären die dortigen Mitarbeiter mit ihrer Aufgabe intellektuell überfordert und müssten sofort abgelöst werden.

2. Das Kultusministerium deutet die Daten bewusst nicht aus. In diesem Fall schließt sich die Frage an, was mit ihnen bezweckt werden soll. Unter Umständen soll hier über das Herstellen einer Konkurrenzsituation mit unbrauchbaren Fakten Druck auf die Schulen ausgeübt werden, den Notenspiegel möglichst weit nach unten zu senken. Auf diese Weise könnten die Schulen, die nun im Ranking schlecht abgeschnitten haben, in der Zukunft wieder Schüler anlocken. Gleichzeitig kann sich der Kultusminister durch scheinbare Verbesserung der Leistungen aller Schüler Niedersachsens - schließlich werden sich alle Gymnasien im Land diesem Trend schwer entziehen können - feiern lassen. Nur: Die Schüler haben nicht mehr gelernt.

In Ländern wie den USA oder England, in denen Rankings seit Jahren veröffentlicht werden, setzt sich langsam die Überzeugung durch, dass gerade mit diesem Verfahren die Unterrichtsqualität herabgesetzt wird. So schreibt das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München auf seiner Internetseite:

„So hat sich beispielsweise „in den USA, dem Staat mit der größten Dichte an groß angelegten Leistungsmessungen […], inzwischen die Einsicht verbreitet, dass zu häufiges Testen und zu oberflächliches Messen negative Folgen für die Qualität des Unterrichts haben können. […] In Großbritannien hat man erkannt, dass ein öffentliches Ranking von Schulen auf der Basis von Testmittelwerten unfair und häufig kontraproduktiv ist.“

Am Ende ihrer Schullaufbahn hatten die Schüler in diesen Ländern im Schnitt zwar gute Noten, aber -zugespitzt formuliert- nichts im Kopf.

Diesen Lernprozess, der in anderen Ländern zu einer Abkehr von öffentlichen Rankings geführt hat, haben wir in Niedersachsen dank des Wirkens der Landesregierung offenbar noch vor uns. Leider.


 

   
   
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