20.
März 2006
Ganztagsschule mit einem schulspezifischen
Konzept ist der richtige Weg
Mit Billiglösungen ist niemand gedient
Die Spatzen pfeifen es seit langem von den Dächern: das deutsche
Schulwesen weist mehr Schwächen auf, als dies in vielen vergleichbaren
Ländern der Fall ist. Besonders beschämend ist dabei, dass
internationale Vergleichsstudien immer wieder belegen: in keinem anderen
Land ist Schulbildung so stark von der sozialen Herkunft abhängig
wie in Deutschland. Leidtragende sind in erster Linie Migrantenkinder
und Kinder aus einkommensschwachen Familien. Der letzte Schlag gegen
das falsche bildungspolitische Selbstverständnis kann da kaum
noch überraschen – die reiche Wirtschaftsmacht Deutschland
muss sich wie vorher die Entwicklungsländer Botswana und Indonesien
einer kritischen Untersuchung durch einen Sonderberichterstatter der
UN-Menschenrechtskommission unterziehen. Es besteht der – begründete – Verdacht,
dass in Deutschland das „Recht auf Bildung“ nicht für
alle Bevölkerungsschichten umgesetzt wird.
UN-Sonderberichterstatter prüft deutsches Schulwesen
Wie gut, dass in Niedersachsen dieser Verdacht sich nicht erhärten
wird. Hat doch Herr Busemann aus PISA schon die richtigen Konsequenzen
gezogen: frühe Selektion und Festlegung auf Schullaufbahnen nach
Klasse 4, völlig verschiedenartige Lehrpläne für die
unterschiedlichen Schulformen und jetzt neuerdings – Ganztagsschulen
für Niedersachsens Schüler/innen. Nicht für alle, aber
für immer mehr.
Welchem schulpolitisch Interessierten leuchten da nicht die Augen?
Endlich erhalten die Kinder in der Schule ein durchgehend strukturiertes
Angebot an mindestens vier Wochentagen bis 16 Uhr. Ausgestattet mit
zusätzlichen Lehrerstunden und sozialpädagogischem Personal
werden die Schulen in die Lage versetzt, die Aktivitäten der Schüler
am Vormittag und am Nachmittag in einen konzeptionellen Zusammenhang
zu stellen.
In ihre Konzepte können erweiterte Lernangebote, individuelle
Fördermaßnahmen und Hausaufgaben/Schulaufgaben eingebunden
werden. Fester Bestandteil dieser Schulen ist die gemeinsame und individuelle
Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen als pädagogische
Aufgabe – selbstverständlich organisiert und angeleitet
durch die Beschäftigten der Schule, in deren Verantwortung dieses
geschieht.
Besucher zeigen sich beeindruckt von dem großzügigen Raumangebot,
dem umfangreichen Fundus an Lehr- und Lernmitteln sowie den neuesten
Medien. Sie können beobachten, wie kleinen Lerngruppen die Arbeit
in alternativen Unterrichtsformen (z.B. Projektunterricht) und selbstständiges
Lernen (z.B. Arbeitsplanarbeit) ermöglicht werden.
Zur Mittagszeit sieht man die Schüler/innen in der freundlichen
Atmosphäre der Mensa ein ebenso gesundes wie schmackhaftes Essen
einnehmen. Sie sitzen dabei bei zwangloser Unterhaltung neben den Lehrkräften
und den anderen Mitarbeitern der Schule. Anschließend können
sie verschiedene Mittagsangebote wahrnehmen oder einfach im Freien
oder in gemütlichen Klassenzimmern entspannen.
Die Lehrkräfte begeben sich wie in den Springstunden an ihren
gut ausgestatteten Arbeitsplatz, bereiten Unterricht vor oder nach
oder arbeiten mit anderen an fachlichen oder pädagogischen Konzepten.
Sie entwickeln Unterricht und schulische Qualität weiter bis hin
zu einem integrativen System, in dem jede/r einzelne gefördert
wird, das Migrantenkind ebenso wie das Kind aus bildungsbürgerlicher
Familie.
Soll er doch kommen, der Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission!
In Niedersachsen kann er sehen, wozu das deutsche Schulsystem fähig
ist!
Verlängerte Halbtagsschulen mit Suppenausgabe
Und genau das wird er sehen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß,
dass er an eine der 171 Ganztagsschulen gerät, die zwar die Bezeichnung
tragen. Die aber im besten Fall Baukostenzuschüsse, aber keine
zusätzlichen personellen und materiellen Ressourcen erhalten haben.
An denen sich engagierte Kollegien unter Ausweitung ihrer Arbeitszeit
bemühen, wenigsten an ein oder zwei Tagen auch den Nachmittag
zu füllen. Aus denen aber in Ermangelung eines Konzeptes und der
benötigten Ausstattung kaum mehr als Vormittagsschulen mit einem
nahezu beliebigen additiven Betreuungsangebot am Nachmittag werden
können. Und an denen trotz zum Teil aufwändiger Bauten an
vielen Tagen die neue Mensa leer bleibt. Vielleicht gehen die Lehrkräfte
ja noch weiter und tragen durch Kapitalisierung von Lehrerstunden oder
durch Verträge mit Dritten zum beschleunigten Trend bei, schulpädagogische
und sozialpädagogische Fachkräfte durch pädagogisch
nicht ausgebildetes Personal zu ersetzen.
GEW setzt sich für echte Ganztagsschulen ein
Die Ganztagsschule mit einem schulspezifischen Konzept ist der richtige
Weg. Wir brauchen keine Ganztagsangebote, die lediglich verlängerte
Halbtagsschulen mit Suppenausgabe sind. Möglicherweise kommt ja
der UNO-Sonderberichterstatter zur rechten Zeit und unterstützt
die Forderungen der Schulen, die bei der Mittelzuweisung leer ausgegangen
sind.
Denn die Realität in Niedersachsen sieht leider so aus, dass Billiglösungen überall
dort als „Ganztagsschulen“ angepriesen werden, wo die Bundesmittel
nicht mehr hergaben. Und vom Kultusminister haben wir ja schon gehört:
mehr Geld für die Schulen brauchen wir von Hannover nicht zu erwarten.
Aber bei Eltern, Schulkindern und Lehrkräften wird sich auf Dauer
die Forderung nach echten Ganztagsschulen nicht übergehen lassen.
Wir alle sollten uns dafür einsetzen. Die GEW wird sich nachdrücklich
dafür einsetzen, dass dieser Wunsch in Niedersachsen gehört
und schließlich Wirklichkeit wird.
TILMAN SCHIEFERDECKER