04. Dezember 2006
GEW fordert nationale Bildungsstrategie
Thöne: „Wir brauchen eine Aufbruchstimmung für
eine große Schulreform“
Eine „nationale Bildungsstrategie“ hat die Gewerkschaft Erziehung
und Wissenschaft (GEW) anlässlich des fünften Jahrestages der Erstveröffentlichung
der Schulleistungsstudie PISA angemahnt. „Wir brauchen eine Aufbruchstimmung
für eine große Schulreform. Das unabgestimmte, teils widersprüchliche
Klein-Klein in den Bundesländern hat als Reaktion auf das schlechte Abschneiden
deutscher 15Jähriger bei PISA nur zu erhöhtem Druck auf Schüler
und Lehrkräfte geführt. Ausreichende Unterstützungssysteme für
die Schulen und zusätzliche Mittel für das Bildungssystem: Fehlanzeige.
Im Gegenteil: Die Gelder für den Bildungsbereich sind gekürzt worden“,
sagte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne in Frankfurt a.M.
„Statt Maßnahmen zu ergreifen, die eine bessere Förderung
für alle Kinder ermöglichen, haben viele Länder die
Auslese verschärft. Unwesentlich besseren Leistungen der ohnehin
guten und privilegierten Schüler bei PISA II stehen unverändert
schlechte Ergebnisse der benachteiligten Kinder und Jugendlichen
gegenüber. Das ist ein gesellschaftlicher Skandal ersten Ranges“,
betonte der GEW-Vorsitzende.
Er machte sich für eine grundlegende Reform der Lehrerbildung
stark. Eine moderne pädagogische Ausbildung habe zentrale Bedeutung
für die Weiterentwicklung von Schule. „Wir schlagen einen ‚Nationalen
Rat für Lehrerbildung’ vor, der in kürzester Frist
ein Handlungsprogramm erarbeiten soll“, sagte Thöne. Seit
Jahren werde über die notwendige Reform der Lehrerbildung diskutiert. „Trotz
neuer Anforderungen wird aber an einer Ausbildung für ein überkommenes
Auslesesystem festgehallten. Das geht zu Lasten der Lehrkräfte,
denen wichtige Kompetenzen nicht vermittelt werden, und der Schüler“,
unterstrich der GEW-Vorsitzende. Er forderte eine einheitliche Grundausbildung
für alle Lehrkräfte, die mehr pädagogische, soziale
und psychologische Kompetenzen vermittelt sowie Theorie- und Praxisanteile
besser als bisher miteinander verzahnt.
Das gegliederte Schulwesen hat abgewirtschaftet
„Schulstruktur, Schul- und Lernkultur bilden eine Einheit.
Wir müssen uns endlich bundesweit auf den Weg zu einem integrierten
Schulsystem machen, das alle Kinder individuell fördert. Das
gegliederte Schulwesen hat abgewirtschaftet: Es bringt unzureichende
Leistungsergebnisse, fördert Privilegierte und schiebt Benachteiligte
ab“, sagte Thöne. Alle PISA-Studien hatten die extrem
starke Abhängigkeit schulischer Erfolge der Kinder vom sozialen
Status des Elterhauses belegt.
„Gute Qualität von Bildung gibt es nicht zum Nulltarif.
Um international den Anschluss wieder zu gewinnen, müssen wir
sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Bildungsbereich
und drei Prozent in Forschungsaufgaben investieren“, betonte
der GEW-Vorsitzende.
Er warnte davor, die „Schulen jetzt kaputt zu testen“.
Mittlerweile werde mehr Geld für die Systembeobachtung als für
die Verbesserung von Qualität und Chancengleichheit in den Bildungseinrichtungen
vor Ort ausgegeben. „Lehrer und Schüler sind die Subjekte
der Lehr- und Lernprozesse. Sie dürfen nicht länger den
Eindruck haben, dass sie lediglich Untersuchungsobjekte seien und
zudem noch den ‚Schwarzen Peter’ zugeschoben bekämen..
Statt fortgesetzter Testeritis muss endlich im Sinne der Pädagogen
und Schüler gehandelt werden“, sagte Thöne.