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Ratgeber, Broschüren und Unterrichtsmaterialien

 

11. September 2009
Publikation


Teamarbeit als Schlüssel zum Erfolg

Günter Binsteiner, Jürgen Braun, Hans Georg Henkel, Wilfried Kohrs, Wilfried Kretschmer, Kirsten Sümenicht, Volker Reichardt, Henning Rosahl, Kirsten Sümenicht, Bruna Worms, Teamarbeit macht Schule. Bausteine der Entwicklung. Robert-Bosch-Gesamtschule, Hildesheim, Seelze-Velber:Kallmeyer, ISBN: 978-3-7800-1023-0, 120 Seiten., 21,95 Euro
„Hier wäre ich gern zur Schule gegangen“ gestand der Niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulf am 21. Mai 2008 nach einem Besuch der Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) in Hildesheim dem Redakteur der „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“. Wer die neueste Veröffentlichung der Trägerin des Hauptpreises des Deutschen Schulpreises 2007, das Buch „Teamarbeit macht Schule, Bausteine der Entwicklung, Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim“, gelesen hat, wird dem Ministerpräsidenten zustimmen.
 
Schon das Vorwort des Sprechers der Jury des Deutschen Schulpreises,Professor Dr. Peter Fauser (Friedrich-Schiller-Universität Jena), erhellt blitzlichtartig, was das Autorenteam anschließend auf jeweils rund fünfzig Seiten über die „Schule als lernende Institution“ und die „Schule als Lebensraum“ mit spürbarer Freude ausführt.

Original Robert-Bosch-Gesamtschule
Das Wort „Team“ begleitet die Leserin, den Leser durch das ganze Buch. Es beschreibt das Zusammenwirken von Lehrenden und Leitenden, von Lernenden und ihren Eltern in den jeweiligen Gruppen oder gruppenübergreifend. „Teamarbeit“ ist tatsächlich der Schlüssel zum Erfolg der RBG, deshalb nimmt der Buchtitel zu Recht dieses Wort auf. Es wird nirgends im Text als Begriff definiert und auch nie in einen theoretischen Zusammenhang gebracht. Man hätte leicht auf Pete Senge’s „Fünfte Disziplin“ (darin „Teamlernen“ und „Systemdenken“) oder auf Rensis Likerts „Linking-Pin-Modell“ oder auf das Konzept der fraktalen Organisation verweisen können. Das Autorenteam hat der Versuchung widerstanden, die Schulentwicklung theoretisch abzuleiten und zu ihrer Begründung Autoritäten als Kronzeugen zu zitieren. Keine Fußnote lenkt von der Lektüre ab. Es gibt auch kein Literaturverzeichnis. Alles, was das Buch enthält – und dazu gehören auch zahlreiche Fotos – ist original Robert-Bosch-Gesamtschule.

Schule von unten her verändert
Getreu seinem Grundsatz, dass es kein Copyright auf gute Ideen gibt, erzählt das Autorenteam freimütig, wie die Schule nach der Gründungseuphorie Anfang der 1970er-Jahre durch externe Faktoren und innere Probleme in eine Phase der Resignation geriet, und wie sie sich aus ihr zunächst durch Reaktion, dann aber durch selbstbewusste und kompetente Aktion befreite. Auf diesem Weg spielten die Schulleitungen eine wichtige Rolle, wichtiger aber waren die ideenreichen und umsetzungsstarken Teams, die die Schule von unten her veränderten: Freiarbeit und Wochenplanarbeit in der Sekundarstufe I, fächerübergreifendes Arbeiten , Fachpraktika und Facharbeiten in der gymnasialen Oberstufe, dazu außergewöhnliche und zukunftsweisende Umweltprojekte und die regelmäßige und sehr bewusst geplante Arbeit an außerschulischen Lernorten in Hildesheim oder weit außerhalb an der Ostsee entstanden beispielhaft Mitte der 1980er-Jahre als pädagogische Reaktion auf eine existenzgefährdende Entwicklung.
Konsensbildung im Inneren
„Die Schule blühte aus sich heraus auf“. (S. 12) Die beiden letzten Schulleiter sorgten für Konsensbildung im Inneren und für deren Absicherung durch verbindlicheRegeln und transparente Strukturen sowie für anerkennende Aufmerksamkeit von außen. „Durch ein beispielgebendes Betriebsmanagement, durch demokratische Führung und kontinuierliche Qualitätskontrolle hat sich die Schule aus einer schweren Krise befreit“, fasste die Jury des Deutschen Schulpreises in ihrer Laudatio 2007 diesen Prozess zusammen:

Überträgt man die Teamentwicklungsuhr von Wilfried Schley auf die ganze fast vierzigjährige Entwicklung der RBG, dann lassen sich tatsächlich ziemlich gleichmäßig verteilt die Phasen „Forming“, „Storming“, „Norming“ und „Performing“ identifizieren. Gleichwohl bleibt auch in dem jetzt vorliegenden Buch noch nicht ausreichend erklärt, welches die Bedingungen waren (und sind), die dieses hohe Maß an Engagement und Aktivität hervorgebracht und dies als offensichtlichen Arbeitsethos der Schule langfristig stabilisiert haben. Soviel wird allerdings deutlich: Die Schule lebt von der Identifikation der an ihr Beteiligten. Und sie profiliert sich durch das Können und der Professionalität der an ihr tätigen Menschen.

Die Schule lebt von der Identifikation der an ihr Beteiligten

Organisatorischer wie pädagogischer Kern der Schule sind die Jahrgangsteams (S. 47). Bei ihnen liegt die Zuständigkeit für die vernetzte Projektarbeit, Praxistage und die Implementierung des Methoden-Curriculums. Dort realisierte sich auch als erstes die Idee, kollegiale Unterrichtshospitationen durchzuführen, die längst fester Bestandteil einer Feed-Back-Kultur geworden sind, die auch die Schüler- und Elternschaft sowie Instrumente der Fremdevaluation regelmäßig einbezieht. Die Jahrgangsleiterinnen und -leiter der Eingangs-, Mittel- und Oberstufe bilden Stufenleiterteams, die Stufenleiter sind Mitglieder der kollegialen Schulleitung. Fachbereichs- und Jahrgangsleiter sowie die Kollegiale Schulleitung bilden zusammen das Didaktisch-Pädagogische-Gremium, dem auch Schüler- und Elternvertreter angehören. (S. 29) Likert wäre mit der überlappenden Teamorganisation zufrieden.
Von diesem Didaktisch-Pädagogischem Gremium – der zentralen Steuerungsgruppe der Schule (S. 24) – ging dann im Dezember 2002 mit der Sichtung, Bewertung und Neuausrichtung der Aktivitäten der entscheidende Impuls für den heute erreichten Entwicklungsstand aus. Mit diesem Datum trat die Schule ein in die entscheidende Phase einer explizierten Schulentwicklung. Der dann von der Gesamtkonferenz angenommene Masterplan legte auf einem Zeitstrahl die abzuarbeiten Projekte fest: Leitbild, Transparenz/Gremienstruktur, Moderner Lehrplan, Pädagogischer Konsens, Verbesserung der Unterrichtsqualität (S. 18). Allein die Entwicklung und Revision des Modernen Lehrplans, der auf Din-A-0-Plakate geklebt wurde und als begehbarer Lehrplan die Aula füllte, zeigt, mit wie viel Kreativität und Enthusiasmus die Schule ihre Aufgaben anpackt.

Wer sich anstecken lassen möchte, findet die Ergebnisse der Robert-Bosch-Gesamtschule und Tipps für die Praxis dokumentiert (S. 15: Methodenlernen, S. 18: Leitbild, S. 26: Teamarbeit in der gymnasialen Oberstufe, S. 36-37: Jahresarbeitspläne, S. 40: Revision der Jahresarbeitspläne, S. 51: Organisation der Kollegialen Hospitation, S. 54-55: Schülerfragebögen, S. 57: Terminplan für das Fachpraktikum im 12. Jahrgang, S. 73: Organisation von Arbeitsgemeinschaften, S. 76: Projektwochenorganisation, S. 82-84: der Soziale Lehrplan der RBG, S. 87: Vereinbarung zur guten Zusammenarbeit, S. 89: Sanktionen bei Regelverstößen, S. 98: Beispiel eines Ganztags-Stundenplans, S. 104-111: Informationen für die Betreuer in den Gruppenstunden – zur Zeit wöchentlich 150 Eltern sowie weitere „Paddys“, also ältere „Schülerpaten“ für die Jüngeren).

Starker Viertaktmotor

Der zweite und dritte Teil des Buchs handelt vom Lernen und Leben in der Robert-Bosch-Gesamtschule und – exemplarisch für fächerübergreifendes, ganzheitliches Lernen – von der jährlich stattfindenden Sommerschule auf der dänischen Insel Aarö. Die UNESCO-Schule beteiligt sich dort am UNESCO-Ostsee-Projekt. Die Fotos, die zitierten Schüler- und Elternäußerungen und der Text des Autorenteams offenbaren einen entspannten, kooperativen Umgang miteinander, der sicher dadurch begünstigt wird, dass es an der RBG kein Sitzenbleiben gibt. Das allein reicht als Erklärung für die Erfolge der Schule allerdings nicht aus. Entscheidend ist, dass alle das sichere Gefühl haben können, beteiligt zu sein, anerkannt zu werden und Unterstützung für ihre persönliche Entwicklung zu finden. Dazu kommen das Zulassen von Ideen, das Einlassen auf ihre Umsetzung und die Offenheit für Kritik.
Was die Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule antreibt, ist ein starker Viertaktmotor mit den Phasen Planen, Probieren, Prüfen, Praktizieren. Das vorliegende Buch lässt erwarten, dass der Treibstoff für den Motor, die Ideen und Visionen für eine immer bessere Schule, unerschöpflich fließt.


HARTMUT HÄGER


 

   
   
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