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Gesamtschule in Niedersachsen


10. November 2010
Vorab-Veröffentlichung aus EuW 11/2010
Dreigliedrigkeit in zwei Säulen

Mogelpackung Oberschule ist kein Zukunftsmodell

Regierung wegen IGS weiter unter Druck

Von Eberhard Brandt

Das Zwei-Säulen-Modell, das Kultusminister Dr. Bernd Althusmann am 26. Oktober präsentierte, steht unter anhaltender Kritik maßgeblicher politischer Kräfte, weil die Regierung die Integrierte Gesamtschule weiterhin blockiert und vierzügige IGSn nur als Ausnahme zulassen will. Die Spitzenorganisationen der Schulträger, der Landeselternrat, Bildungsverbände und Oppositionsparteien akzeptieren die Regierungspläne nicht und bleiben bei den zwischen ihnen unter der Leitung des Landeselternrats abgestimmten Forderungen. Hinter dem Etikett "Oberschule" verbergen sich die Schulformen Kooperative Haupt- und Realschule und Kooperative Gesamtschule, die das dreigliedrige Schulsystem und damit die Aufteilung der Kinder nach angeblichen Begabungstypen fortsetzen. Offenbar weiß die Regierung, dass ihr Konzept gegenüber der IGS nicht konkurrenzfähig ist, weil immer mehr Eltern eine Schule wünschen, die durch gemeinsamen Unterricht bis zur 10. Klasse geprägt ist. Was sonst ist der Grund für die Anti-IGS Politik durch Turbo-Zwang und Errichtungshürden?




"Bildungsgipfel" im Landtag. Kultusminister Bernd Althusmann stellte den Spitzenorganisationen sein
neues Zwei-Säulen-Modell für das niedersächsische Schulsystem vor.


Ministerpräsident und Kultusminister sind gegenüber der FDP und Traditionalisten in der CDU eingeknickt. So gärt es auch innerhalb der CDU weiter. Die CDU-Kommunalpolitiker können ihren Ministerpräsidenten nicht mehr verstehen. Am 26. November soll der Landesausschuss der CDU über das Konzept von Althusmann abstimmen.

Ein Zwei-Säulen-System soll – wie der Kultusminister bei der Präsentation der Schulpläne der Landesregierung erklärte – das dreigliedrige Schulsystem modifizieren. Althusmann prognostizierte, in 10 bis 15 Jahren würde es in Niedersachsen nur noch zwei Regelschul-Typen geben: das Gymnasium und die Oberschule. Mit seinen Plänen sei "Niedersachsen der Zukunft voraus" so die vollmundige Verkündigung des Ministers. Neben den Regelschulen hätten die Integrierten Gesamtschulen einen respektierten Platz als Angebotsschulen, es könnten auch neue gegründet werden, wenn Eltern es wollten – allerdings unter weiterhin erschwerten Bedingungen.

Etikettenschwindel und Mogelpackung

Selbstständige Haupt- und Realschulen sollen von den Schulträgern in mindestens zweizügige kooperative Haupt- und Realschulen umgewandelt werden können und das glanzvolle Etikett "Oberschule" erhalten. Die Gründung dreizügiger Kooperativer Gesamtschulen soll erleichtert werden, allerdings nur sofern die Prognose der Schülerzahlen langfristig die Einrichtung einer Gymnasialklasse mit 28 Schülern ergibt. Die neuen Kooperativen Gesamtschulen bekommen ebenfalls das Etikett "Oberschule". Bestehende KGSn dürfen auf Antrag des Schulträgers ebenfalls das neue Türschild anschrauben. Den neuen KGSn werden auch gymnasiale Oberstufen versprochen, allerdings nur sofern die Schülerzahl für eine dreizügige Sekundarstufe II ausreiche.

Zwei alte Kooperative Schulformen

Die Darstellung der Gestaltung der zwei Schulformen unter dem Etikett Oberschule geriet dem Kultusminister wolkig, was sich in einer diffusen Darstellung in den Medien spiegelte. Bei der Zusammenfassung der Haupt- und Realschulen sollen die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik in schulformbezogenen Gruppen unterrichtet werden. In den übrigen Fächern könne "ganz viel integrativ" unterrichtet werden. Die unterschiedlichen Profile des Hauptschul- und des Realschulbildungsganges sollen dabei allerdings erhalten bleiben, insbesondere die unterschiedlichen Konzepte der Berufsorientierung. Unklar blieb bei der Präsentation und auch bei der Darstellung durch den Staatsekretär Dr. Porwol beim Landesschulbeirat am 28. Oktober, worin sich denn diese neue Kooperative Haupt- und Realschule von der jüngst verabschiedeten Zusammenfassung von Haupt- und Realschule unterscheidet. Die angekündigten Bestimmungen fallen weit hinter die Bestimmungen zurück, die bis 2003 galten und die von der Wulff-Regierung abgeschafft wurden. Bis 2003 konnte in allen Fächern integrativer Unterricht angeboten werden. Bei der HS/RS ist also nichts der Zukunft voraus. Es bleibt unerfindlich, was diese Schulform attraktiver machen soll als die bestehenden Hauptschulen – außer dem neuen Etikett.

Die Errichtung Kooperativer Gesamtschulen nach dem Differenzierungsmodell A (bekannt auch als Tarmstedter Modell) soll den Schulträgern wieder gestattet werden. Im Schulgesetz von 2008 war die Errichtung dieses Typs KGS verboten worden. Journalisten verstanden die Darstellung des Kultusministers in der Pressekonferenz vom 26. Oktober so, als sei diese KGS fast eine IGS. Die Botschaft sollte offenbar lauten: In der Oberschule kann "ganz viel integrativ" unterrichtet werden – fast so viel wie in einer IGS – da seien doch in Zukunft Integrierte Gesamtschulen entbehrlich.

Ganz viel Integration?

Aus diesem Grund sei daran erinnert, dass die KGS nach dem Tarmstedter Modell in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch, Französisch oder Spanisch und im Fachbereich Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) in schulzweigbezogenen Kursen unterrichtet wird. Es gibt Haupt-, Realschul- und Gymnasialkurse. In den Fächern Geschichtlich-Soziale-Weltkunde, Arbeitslehre, Religion und Sport gibt es schulformübergreifenden Unterricht im Klassenverband. Auch wenn der Kultusminister den Schulzweig übergreifenden Unterricht stark hervorhob - prägend bleibt die Einteilung nach Schulformen. Das macht die Differenz zur IGS aus, die die Schulabschlüsse bis Klasse 10 offen hält. Es sei angemerkt, dass das Curriculum im Hauptschul- und im Gymnasialzweig von Klasse fünf bis 9 verteilt ist und im Realschulzweig von 5 bis 10. Das macht gemeinsamen oder Schulform übergreifenden Unterricht nicht gerade sinnig, um es salopp zu sagen.

Die Journalisten fragten in der Pressekonferenz, wie denn in den beiden kooperativen Schulformen die Hauptschulzweige angewählt würden. Die selbständigen Hauptschulen würden ja von den Eltern nicht goutiert. Das sei ja gerade die Begründung für die Schulreform. Der Minister verwies darauf, dass die Eltern nur in Jahrgang fünf das Recht hätten, sich für Hauptschulkurse oder Realschulkurse und gegebenenfalls Gymnasialkurse zu entscheiden. Danach entscheide die Klassenkonferenz über die Kurszuweisung. Vielleicht liegt ja hier der eigentliche Sinn der Oberschule: Auf diesem Weg soll offenbar die Hauptschule und die Dreigliedrigkeit doch noch gerettet werden.

Was heißt hier attraktive Ausstattung?

Durch eine attraktive Ausstattung soll die Einführung des Lieblingsschulmodells der Landesregierung begünstigt werden, kündigte Althusmann an. Ob die angekündigten Begünstigungen das halten, was sie versprechen, kann allerdings nach den Ausführungen des Kultusministers bezweifelt werden.

  1. Eine bessere Ausstattung der Oberschule mit Funktionsstellen, aber nur soweit die Schulgröße es zulässt. Eine Didaktische Leitung wird angekündigt. Gibt es dadurch mehr Leitungsstellen als gegenwärtig? Gegengerechnet werden müssen die wegfallenden Schulleiterstellen der selbständigen Hauptschulen und Realschulen.
  2. Sozialpädagogen für die Oberschule? Die Zuwendungen an die Schulträger, die bisher für die Hauptschulen galten, sollen für vier Jahre verlängert und bei Umwandlung in eine Oberschule mitgenommen werden. Es geht dabei also um befristete halbe Stellen, die bei den Kommunen oder bei freien Trägern angesiedelt sind. Von zusätzlichen Stellen gar im Landesdienst ist nicht die Rede.
  3. Die Oberschulen sollen bei der Einrichtung eines teilweise gebundenen Ganztags bevorzugt und mit einem besseren Budget ausgestattet werden. Zusätzliche Zuweisungen von Lehrerstunden – Fehlanzeige.
  4. Begrenzung der Klassenobergrenze auf 28. Haupt- und Realschullehrkräfte haben schon nachgerechnet. Sie sehen keine realen Verbesserungen, im Gegenteil.

Gemeinsame Forderungen bleiben auf der Tagesordnung

Landeselternrat, die Spitzenorganisationen der Schulträger, die GEW und weitere Bildungsorganisationen wie GGG, VBE, Schulleitungsverband, Grundschulverband und VdS wie auch die Oppositionsparteien SPD, Gründe und Linke bleiben bei ihren Forderungen für die Integrierten Gesamtschulen. Der Turbo- und Differenzierungs-Zwang an Gesamtschulen wird vom Landeselternrat, den genannten Bildungsverbänden und den Oppositionsparteien weiterhin abgelehnt, weil er mit der pädagogischen Konzeption der IGS nicht kompatibel ist.

Schulträger setzen weiter auf die IGS

Der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes Rainer Timmermann brachte die Kritik beim Bildungsgespräch am 26. Oktober auf den Punkt. Die Schulträger im ländlichen Raum bräuchten die Möglichkeit, dreizügige und vierzügige Integrierte Gesamtschulen einzurichten, um im ländlichen Raum möglichst viele Kinder für eine attraktive Schule vor Ort zu gewinnen. Die IGS könne für Kinder mit Gymnasialempfehlung und auch solche mit Realschulempfehlung eine Alternative zu den Kreisgymnasien bieten. Die Menschen im ländlichen Raum wären in ihren Bildungschancen benachteiligt. Dieser Zustand müsse überwunden werden.

Der Vorsitzende des Niedersächsischen Landkreistages Bernhard Reuter machte ebenfalls deutlich, dass die Schulträger darauf bestehen, vierzügige und im Ausnahmefall dreizügige Integrierte Gesamtschulen als Regelschule ersetzend gründen zu können, weil viele Schulstandorte von Haupt- und Realschulen angesichts des in vielen Gebieten starken Schülerrückgangs nicht aufrechterhalten werden können, weil vorhandene Schulgebäude bei der Errichtung neuer IGSen genutzt werden müssten und weil die Fahrwege für die Schüler ohne diese Alternative unzumutbar würden.

Der Präsident des Niedersächsischen Städtetages Frank Klingebiel, Oberbürgermeister von Salzgitter, schloss sich dieser Forderung an und hob hervor, es gäbe viele Eltern, die eine IGS anwählen wollten. Deshalb müsse die Schulform bei jedem Schulträger errichtet werden können. Die Präsidiumssitzung des Städtetages, die am 3. November tagte, bestätigte diese Forderung ausdrücklich und bezeichnete sie als unverzichtbar. Kultusminister Althusmann hatte dort zuvor angekündigt, für Kommunen würde es künftig leichter, neue integrierte Gesamtschulen einzurichten. In begründeten Ausnahmefällen könne es auch vierzügige geben, sagte der Kultusminister nach einem Gespräch mit Spitzenvertretern des Niedersächsischen Städtetages. An der Debatte über die Zügigkeit einer IGS dürfe Umsetzung der geplanten Schulstrukturreform jedenfalls nicht scheitern. Die von ihm vorgeschlagene künftige Oberschule nannte er eine echte Alternative zu IGS und KGS.

Die Vertreter der Schulträger wandten sich in der Sitzung des Landesschulbeirats gegen die Behauptung des Staatssekretärs, ihre Verbände befürworteten die Regierungspläne. Die Kooperative Haupt- und Realschule helfe ihnen nicht, ein attraktives Schulangebot vor Ort aufrecht zu erhalten. Die Hauptschulkrise werde so auch auf die Kooperative Haupt- und Realschule übertragen. Die Schulträger bezweifelten, ob es viele Standorte von Haupt- und Realschulen gäbe, bei denen es möglich sei, eine Gymnasialklasse mit 28 Schülerinnen anzudocken.

Soviel dürfte auch der Regierung klar sein: Wenn die Regierung nicht die Kraft hat, ihren Kampf gegen die IGS aufzugeben, wird die Auseinandersetzung weiter gehen – lnnerhalb der CDU und bei den Kommunalwahlen 2011 und bei den Landtagswahlen 2012.

 





 

 

 






   
   
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