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20. Dezember 2006
62. Pädagogische Woche des Bezirksverbandes Lüneburg der GEW in Cuxhaven-Duhnen


„Nur noch lernen, was verwertbar ist?“

Auch das Wetter spielte mit: In den Mittagspausen lockten Wind und Sonne zum Spaziergang am Watt, statt zum Mittagsschlaf nutzten viele die Gelegenheit zum Verdauungsspaziergang! Dass die 62. Pädagogische Woche aber auch inhaltlich etwas zu bieten hatte, zeigte die wieder einmal große Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer!

Dabei unterschied sich das Thema kaum von dem des letzten Jahres! Darauf machte die Bezirksvorsitzende Annegret Sloot in ihrer Eröffnungsrede am Montag aufmerksam und verband mit diesem Hinweis eine Reihe von Fragen: „Warum lassen wir nicht locker, auf die Gefahren der so genannten eigenverantwortlichen Schule, den zunehmenden Trend zur Privatisierung von Schulen und die damit verbundenen Gefahren hinzuweisen? Warum warnen wir immer wieder aufs Neue vor einer Entwicklung zu mehr betriebswirtschaftlichem Effi-zienzdenken in Schule und Hochschule? Warum wehren wir uns gegen die einzelnen Maßnahmen neoliberaler Schulpolitik wie die Testverfahren, die vorgeben, die Qualität von Schule zu messen?“
Leider propagierten fast alle Parteien derzeit neoliberale Modelle, wenn es um die Frage gehe, wie unser Bildungswesen in Zukunft aussehen solle.


Bildung wird zur Ware degradiert



Inzwischen gebe es aber auch immer mehr Kritik „an einer globalisierten, neoliberal ausgerichteten Ökonomie, die alle Lebensbereiche ergreift“ und an einem Verständnis von Ökonomie, das diese allen anderen Bereichen menschlichen Lebens wie Kunst, Politik, Religion, Ethik und Pädagogik vor- oder überordne.
Anschließend skizzierte sie den Prozess der Veränderungen im Bildungsbereich und „was wir überhaupt unter „neoliberaler Schulpolitik“ verstehen.“ Annegret Sloot verwies auf den Bericht der Bildungskommission des Landes NRW „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ aus den 90er Jahren. Das in diesem Bericht entwickelte Konzept des „Haus des Lernens“ habe viele Reformvorstellungen enthalten, denen man nur habe zustimmen können: „Man versprach sich durch die Zusammenarbeit mit allen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen - eben auch mit der Wirtschaft- einen Schub für eine Erweiterung der Chancengleichheit durch eine veränderte Schulstruktur und für reformpädagogische Vorstellungen.“ Man habe gar den Eindruck gehabt, es „wurden unsere Themen und unser Vokabular aufgenommen.“ Manche Passagen des Bildungsberichtes „lesen sich wie bildungspolitische Anträge der GEW.“

Doch schnell sei deutlich geworden, worum es „vor allem den Vertretern der Wirtschaft ging: die bisherige Bildungsfinanzierung durch den Staat umzugestalten und betriebswirtschaftliche Konzepte auf den Bildungsbereich zu übertragen.“ Genutzt wurden dafür Begriffe „wie Autonomie, wie Eigenverantwortung, wie Selbstständigkeit oder Schulprogramm usw., die aus der reformpädagogischen Diskussion stammen.“

Auf diese Weise sei unter dem besonderen Einfluss der Bertelsmann-Stiftung der Weg bereitet worden für Vorstellungen, auch im Bildungsbereich zukünftig eine Mischform aus staatlicher und privater Finanzierung zu entwickeln: „Die private Eigenbeteiligung für die schulische Bildung wird sich etablieren, ebenso wie wir es aus dem Gesundheitswesen schon kennen.


In allen Bundesländern ist die Privatisierung auf dem Vormarsch



Es geht um ein Zurückdrängen politischer zugunsten ökonomischer Einflussnahme in den Bereichen sozialer Daseinsfürsorge und nun eben auch im Bildungssystem.“ Zu erwähnen sei in diesem Zusammenhang auch die Einführung von Studiengebühren, „die jetzt ab 2006 erhoben werden, damit die private Studienfinanzierung etablieren und den Markt für Unternehmen öffnen.“

Dieser Weg der stärkeren privaten Eigenbeteiligung bedeute aber: „Das Grundrecht auf freien Zugang zu Bildung wird zu einer Ware degradiert. Es entscheiden nicht Fleiß, Talent und Interesse, sondern die soziale Herkunft und der Geldbeutel der Eltern über die Bildungs-Chancen von Schülern und Studenten. Auch im Bildungssystem wird sich dann noch stärker als bisher die zunehmende soziale Polarisierung in unserer Gesellschaft widerspiegeln.“

In einigen Bundesländern, so Annegret Sloot, gebe es bereits „Initiativen zur Einführung privat finanzierter Grundschulen. Um das bis heute geltende grundgesetzliche Verbot einer ‚Sonderung der SchülerInnen nach Besitzverhältnissen der Eltern’ (Art 7 Aus 4 GG) umgehen zu können, hatte die rot-grüne Landesregierung in NRW bereits einen entsprechenden Änderungsantrag eingebracht.“ Eine wichtige Bedingung dafür sei die Aufhebung der Einzugsbereiche schon für Grundschulen, damit werde der Weg bereitet dafür, dass Schulen sich Kinder wie Kunden aussuchen könnten! „In Holland oder England sehen wir, wohin diese Entwicklung führt. Es gibt ‚star and sink schools’, in denen die gesellschaftlichen Gruppen quasi unter sich sind.“

Diese Ausrichtung des Bildungssystems an Prinzipien der Marktwirtschaft gehe einher mit einer Entdemokratisierung. Ein anschauliches Beispiel biete das neue Schulgesetz des Landes Niedersachsen. Darin werde die Gesamtkonferenz entmündigt „und durch einen Schulvor-stand ersetzt, der Schulleiter erhält die Allzuständigkeit, Sponsoring und die Pflicht zur Teilnahme an Evaluationsverfahren werden gesetzlich ermöglicht.“

In allen Bundesländern sei man zurzeit dabei, Privatisierungstendenzen zu fördern und Schulen durch Output-Orientierung „stärker in Konkurrenz zu setzen.“ Dabei werde in der Öffentlichkeit der Anschein erweckt, eine vor allem an ökonomischen Prämissen orientierte Bildungsreform sei unabänderlich. Im Übrigen sei es ein zentrales Credo der neoliberalen Politik zu behaupten: „Es gibt keine Alternative!“
Diese Politik sei in anderen Ländern schon weiter vorangeschritten, so dass dort deutlicher werde, welch zum Teil verheerende Folgen diese Politik habe: „Prof. Lind wird in dieser Woche über die Auswirkungen des teaching to the tests in den USA und England berichten, das zu einer Schmalspurpädagogik führt. Fächer wie Geschichte, Musik, Kunst, Religion, Politik werden radikal zusammengestrichen. In einigen Schulen wird nichts anderes mehr unterrichtet als Mathematik und Englisch. Schulen haben ihre Pläne ganz pragmatisch den Tests der staatlichen Qualitätskontrolle angepasst und verfahren nach dem Prinzip: ‚Warum soll ich etwas unterrichten, das nicht getestet wird?’

Einen kleinen Vorgeschmack darauf erhalten wir bereits in unseren Schulen, wenn es vor einer Vergleichsarbeit in Mathematik eine Umstellung der Stundenpläne gibt, damit gezielt auf den Test hingearbeitet werden kann.“


Teaching to the test

Auch die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen an den Schulen werde zunehmend unter der bildungsökonomischen Steuerung zu leiden haben durch Arbeitsverdichtung, Verknappung der Ressourcen und Zusatzbelastungen. Bereits heute seien die hohen Klassenfrequenzen unzumutbar. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse in den Schulen würden zunehmen und zu befürchten sei, dass sich die Arbeit von Pädagogen in Zukunft grundsätzlich verändern werde: „Die wird sich auf das so genannte Kerngeschäft der reinen Wissensvermittlung reduzieren, während andere Aufgaben, die bisher selbstverständlich zu den Aufgaben von Lehrkräften gehörten, von Betreuungs- und Hilfspersonal übernommen werden wird. Bei knappen Budgets wird daran kein Weg vorbei gehen.“
Unter dem Druck von Wettbewerb und Konkurrenz führe auch die Schulinspektion zu fragwürdigen Entwicklungen, zähle inzwischen doch die profilierte Außendarstellung durch spektakuläre Projekte und glanzvolle Internetauftritten mehr als der eigentliche Unterricht. Und sie knüpfte daran die Frage: „Ist dieser Wettbewerb wirklich hilfreich und wem nützt er?

Wird die Qualität an unseren Schulen verbessert? Lernen die Kinder mehr und finden sie sich besser im Leben zu recht als bisher? Werden sie besser befähigt, ihre Lebensmöglichkeiten und - interessen zu erkennen und gemeinsam mit anderen durchzusetzen? Können sie sich Fähigkeiten aneignen, die notwendig sind für eine Kultivierung des Menschen und der Gesellschaft?

Die Frage ist aber auch, was dürfen die Kinder noch lernen und was nicht?“
Und zum Schluss warnte sie eindringlich davor, Lernen und Bildung ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten als „Standortfaktor“ zu sehen, „denn damit gerät aus dem Blick, was Lernen ausmacht. Es wird ein Verständnis von Lernen verbreitet, bei dem es nicht mehr um umfassende Bildung und die geistige Mündigkeit junger Menschen geht, sondern um das Herstellen des flexiblen Menschen, der sich elastisch auf die Erfordernisse des Marktes einstellt. Die Funktion von Bildung wird damit reduziert auf die Produktion von Human-kapital, das durch lebenslanges Lernen auf die Anforderungen der Wirtschaft zu reagieren hat.
In dieser PäWo werden wir dieser Entwicklung unsere Alternativen entgegensetzen.Wir wagen also wieder einmal einen Versuch unter den dargestellten politischen Bedingungen - also wie die Gallier im römischen Reich- Alternativen zur gegenwärtigen übermächtigen neoliberalen Politik zu entwickeln.“
Der ‚rote Faden’, der die folgenden Tage und die einzelnen Veranstaltungen miteinander verknüpfte, war denn ein Verständnis von Lernen als Prozess der Selbstformung des Menschen, der nur unter Beteiligung der Subjekte erfolgreich sein kann. Im Mittelpunkt aller Referate stand dann auch der Blick auf die einzelne Schülerin/ den einzelnen Schüler. So forderte Annemarie von der Groeben, ehemalige didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld, in ihrem Eröffnungsreferat am Montag, Schule müsse für die anvertrauten Kinder da sein und nicht umgekehrt. Deshalb müssten „Standards für eine gute Schule“ so beschaffen sein, dass sie Kindern Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen und offen halten. Das heiße auch, sie müssten von möglichst allen Kindern erreicht werden können. Darüber seien sich alle Bil-dungsexperten einig. Solche Standards dürften nicht zur Grundlage für Noten, für Auslese und für die Verteilung von Lebenschancen genutzt werden. Genau das geschehe zurzeit aber in der Bildungspolitik. Zu beobachten ist also, so die Referentin, eine Bildungsreform, vor der alle Experten gewarnt haben.


Lernen als Prozess der Selbstformung des Menschen



Für eine wirkliche Bildungsreform bedürfe es eines gesellschaftlichen Grundkonsenses. A. v. d. Groeben nannte dann einige wesentliche Bestandteile für einen solchen Konsens, die hier nur verkürzt wiedergegeben werden können:

  • Schule muss für das je einzelne Kind da sein und nicht umgekehrt.
  • Schulen haben die Aufgabe, Heranwachsende mit den Grundlagen unserer Kultur vertraut zu machen.
  • Schule muss ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass es auf sie ankommt und dass sie gebraucht werden.

Um Standards ging es auch in dem Referat von Prof. Dr. Georg Lind ( Uni Konstanz ) am Dienstag, und zwar um das „Recht des Kindes auf eigene Standards“. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war dabei das Leitbild einer „Schule der Demokratie“. Eine wichtige Grund-lage für dieses Leitbild sind für ihn die Rechte der Kinder. Diese ernst zu nehmen bedeute Schule so zu verändern, dass jedem Kind ein selbst bestimmtes Lernen ermöglicht werde. Er übte massive Kritik an den gegenwärtigen Standards und den damit verbundenen Tests. Dadurch würde erfolgreiches Lernen behindert, nicht gefördert. Lerntests – zentrale Prüfungen ebenso wie PISA-Tests – erweckten den Anschein, Lernen sei für alle gleich, dem sei aber nicht so!

Den Zuhörerinnen und Zuhörern empfahl er als Konzept für Veränderungen: „Große Ziele, aber kleine Schritte!“ Die großen Ziele, das seien Schulen, in denen nicht Lehrpläne, Fächer oder Konkurrenzprinzip im Mittelpunkt stünden, sondern das einzelne Kind und die einfache Frage bei allen wichtigen Entscheidungen: „Ist das für das Lernen des Kindes wichtig?“


Das Recht des Kindes auf eigene Standards



Als kleine Schritte dahin benannte er: Verbesserung des klassischen Unterrichts, Einsatz für freies selbst bestimmtes Lernen und offenen Unterricht und demokratisches Zusammenleben. Wie alte reformpädagogische Vorstellungen gegenwärtig aufgegriffen und missbraucht werden, darum ging es in dem Referat von Christina Kaindl zum Thema „Lebenslanges Lernen und die Mobilisierung der Subjekte im Neoliberalismus“. Die Referentin zeigte darin auf, wie Produktions- und Lebensweise zusammenhängen und dass Veränderungen der ersteren auch eine Veränderung der Lebensweise nach sich ziehen – Symbol für die aktuellen Veränderungen sei die Ersetzung des Fließbandes durch den Computer. Damit rücke die Fähigkeit zu Innovationen in den Mittelpunkt. Das Bild vom ‚lebenslangen Lernen’ verdränge die Vorstellung vom ‚Lernen auf Vorrat’, meine auch nicht eine Ergänzung des bestehenden Bildungssystems, sondern seine Ersetzung.

Das bedeute auch den Abschied vom Gleichheitsgedanken, denn neoliberalem Denken seien solche Vorstellungen suspekt. Folgerichtig würden sie ersetzt durch Gerechtigkeitsvorstellun-gen – auch im Bildungsbereich. Diese erschöpften sich aber darin, Ungleichheiten und Besonderheiten aller SchülerInnen als gegeben hinzunehmen, auf die man allenfalls eingehen müsse.

Lernen neoliberal gewendet, habe zum Ziel, die Subjekte so zu mobilisieren, dass diese sich fremdbestimmte Ziele zu eigen machten, um so den sich ständig verändernden Bedingungen der Wirtschaft zu genügen, sich also der Fremdbestimmung zu unterwerfen. Dieser „Enteignung des Lernens“ gelte es, sich zu widersetzen!

Am Donnerstag hielt dann Alfred Hinz, ehemaliger Leiter der Bodensee-Schule St. Martin in Friedrichshafen, ein leidenschaftliches Plädoyer für eine radikale Veränderung der Schule. Er zeigte, dass der Titel seines Referats „Schule ist eine Stätte der Personwerdung – was sonst!“ keine Floskel ist, sondern gelebter Alltag in der Bodensee-Schule. In dieser Schule, so der Referent, „steht das einzelne Kind im Mittelpunkt, nicht ein Lehrplan, ein Fach oder ein ‚Klassenziel’.“ Das verlange eine radikale Wende im Denken und Handeln aller Beteiligten, auch der Eltern.
Die Unterrichtsinhalte dieser Schule, das machte Hinz anschaulich deutlich, gliedern sich in Epochen. Und in diesem vorgegebenen Rahmen wird allen Schülerinnen als mitverantwortlich Handelnden die Wahl des Arbeitsthemas, die Arbeits- und Zeiteinteilung, die Wahl des Partners, des Arbeitsplatzes und die Form der Arbeitsergebnisse zugemutet. Diese Freiheiten, so Hinz, fördere den Drang nach Erkenntnis. Der notwendige Rahmen für eine solche Schule, das machte er ebenfalls deutlich, ist die gebundene Ganztagsschule, in der es sich verbiete, „morgens Unterricht zu erteilen und nachmittags Betreuung anzubieten. Schule müsse Le- bensraum sein, in dem den Kindern das Lernen „mit Kopf, Herz, Hand und Fuß“ ermöglicht werde.

„Schule im Widerstreit zwischen Standardisierung und Individualisierung“ lautete das Thema des Abschlussreferats am Freitag von Prof. Dr. Annedore Prengel, ( Uni Potsdam ). Standardisierung und Individualisierung, so die Ausgangsthese, sind gegensätzliche pädagogische Maximen, die aber einander bedürfen! Standards dienten zum einen als Instrument der Auslese und bedeuteten für viele ein Scheitern. Sie könnten aber auch Orientierungshilfen bieten und den Zugang öffnen zu allgemeinen Kulturgütern.


Plädoyer für eine radikale Veränderung der Schule


Das Prinzip der Individualisierung, so die Referentin, macht deutlich: Jedes Kind ist einzigartig, diese Einzigartigkeit schlägt sich auch nieder in ganz unterschiedlichen Entwicklungen. Radikale Individualisierung bedeute aber auch Vereinzelung und gefährde Chancengleichheit.

Deshalb gelte es, Standardisierung und Individualisierung sinnvoll auszubalancieren und eine Pädagogik der heterogenen Lerngruppen zu kultivieren, die der Idee der Emanzipation verpflichtet sei!

Die zahlreichen Arbeitsgruppen, die es im Rahmen der 62. Pädagogischen Woche gab, boten zum einen eine Erweiterung des Angebots an kritischer Reflexion des bildungspolitischen Mainstreams. Zum anderen zeigten sie aber auch pädagogische Alternativen und lenkten den Blick auf sinnvolle Möglichkeiten der Individualisierung, die sich einer Reduktion auf Tests verweigert, und auf die Fächer, die hierfür besonders geeignet sind!





   
   
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