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Forum Gymnasium befasst sich mit der Entwicklung von Schulqualität

Entwickeln kann man sich nur, wenn man sich bewegen kann

Die traditionelle Schule sei vom Mysterium „Vorschrift“, von der „Tyrannei des Notenbuches“ und der „Unerbittlichkeit des Stoffes“ geprägt. Mit der Übernahme dieser Schulkritik Hartmut von Hentigs beginnt Professor von Saldern (Universität Lüneburg) seinen Vortrag und schließt an, dass er ein Freund der selbstständigen Schule sei, denn diese könne entgegenwirken. Es könne aber auch geschehen, dass Schulen mehr Freiheit bekämen, es aber gar nicht merkten

Gut besucht war das Forum Gymnasium im Freizeitheim Linden in Hannover. Etwa 90 Kollegen/innen waren gekommen, um sich im ersten Teil mit der „Qualitätsentwicklung der Eigenverantwortlichen Schule in Niedersachsen“ und im zweiten Teil mit dem Teilaspekt der „Selbstevaluation“ auseinanderzusetzen. Weder von den Referenten noch aus dem Plenum wurden der Sinn von „Selbstständigkeit und Qualitätsentwicklung“ und „Selbstevaluation“ in Frage gestellt. Allerdings bleibe bei dem überzogenen Tempo der Entwicklung in Niedersachsen Qualität auf der Strecke, so von Saldern. Und vor lauter Verbesserungsanstrengungen könne es sein, dass gar nicht mehr im Blick sei, was eigentlich guter Unterricht sei und was die Erziehung zum mündigen Bürger eigentlich ausmache.

Schulen werden „übersteuert“

Von Saldern entwickelt, unterstützt mit PowerPoint, in Windeseile eine Fülle von Inhalten - verbunden mit dem ihm eigenen skurrilen Humor. Es geht um die Geschichte der selbstständigen Schule, um Begründungszusammenhänge derselben und um Ziele, Hoffnungen und Gefahren, die mit der Autonomie verbunden sind. In Bezug auf die derzeitige Entwicklung der Eigenverantwortlichen Schule in Niedersachsen überschreibt er seine zentrale Kritik mit dem Begriff der Übersteuerung. Wenn es denn generell richtig sei, Verantwortung dorthin zu verlagern, wo die Leistung erbracht werde, so

  • gebe es zu wenig Freiraum und Flexibilität auf Grund der Erlassgebundenheit der Schulen (Anzahl der Schülerwochenstunden, Anzahl der Lehrerwochenstunden, Prinzip der Jahrgangsklassen, 8-jähriges Gymnasium, Regelungen zum Sitzenbleiben und Abschulen usw.),
  • führe eine bestimmte Umsetzungsform der Bildungsstandards zur alltäglichen „Schraubstocksituation“ im Unterricht,
  • sei Schule zu wenig demokratisch gestaltet (z.B. Entmachtung der Gesamtkonferenz),
  • gebe es zu wenig Ressourcen für Weiterbildung, zudem würden diese in ungleicher Weise an die an Schule Beteiligten verteilt.

Die Übersteuerung zeige sich auch darin, dass viele Qualitätsentwicklungsmaßnahmen zwar im Einzelnen durchaus perfekt organisiert seien und durchgeführt würden, dass aber die Einzelmaßnahmen nicht ausreichend aufeinander abgestimmt seien. Autonomisierung und Organisationsentwicklung, Standards und darauf bezogene Testinstrumente, Professionalisierungs- und Führungskonzepte in Niedersachsen verwiesen auf eine Form der „Governance-Architektur“, die zwar Schule in Bewegung setzen wolle, aber eher zu instrumentellem Aktivismus, einer stillschweigenden Gläubigkeit an technische Instrumente der Evaluierung und an die für sich selbst sprechende Wirkungskraft von Daten führten.

Schule wird eingeengt

Aktionistische Übersteuerung bedinge somit genau das Gegenteil der eigentlichen Absicht von Eigenverantwortlichkeit und führe dazu, dass die Beziehungen zwischen Staat und Schule gerade nicht „weiter“, sondern „enger“ würden.

Die Notwendigkeit von Schulentwicklung im Kontext von Selbstverantwortlichkeit, verbunden mit Elementen von Outputsteuerung sei unbestritten und notwendig. Die sogenannte Dezentralisierung sei aber in Niedersachsen verbunden mit Zentralisierungselementen wie Zentralabitur, Vergleichstests, Schulinspektion, SEIS (Selbstevaluation in Schulen) und EFQM. Paradoxerweise könne die Ausformung der Entwicklung in Niedersachsen - gekoppelt mit Überlastungselementen in den Schulen - aber zu einer Misstrauenskultur führen, die das „Lehren“ noch mehr erschwere, als dies sowieso schon der Fall sei: Entwickeln könne man sich nur, wenn man sich bewegen könne, und die Paradoxien der gegenwärtigen Entwicklung verwiesen eher in Richtung Bewegungslosigkeit und eine absolut festgeschriebene Funktionalität einer in dieser Form noch nie da gewesenen Lehrerrolle.

Bloße Erhebung von Datenstichproben ist keine „Selbstevaluation“

Im zweiten Teil der Veranstaltung setzt sich die Informationsflut über Vermittlung mit PowerPoint fort, als die Diplompsychologen Alfred Lux und Matthias Paulo sich mit Selbstevaluationskonzepten auseinandersetzen. Sie geben eine Kurzeinführung in das schulische Qualitätsmanagement, referieren Hinweise zum Qualitätsrahmen für niedersächsische Schulen und setzen sich mit Evaluationsverfahren und Befragungsinstrumenten auseinander. Zum Schluss gibt es eine kritische Bestandsaufnahme der niedersächsischen Schulinspektion.

Der zentrale Punkt sei, dass Selbstevaluation dadurch bestimmt ist, dass „ICH über MICH“ etwas erfahren möchte. Eine bloße Erhebung von Datenstichproben sei keine Selbstevaluation. Selbstevaluation müsse dadurch bestimmt sein, dass Akteurinnen und Akteure ihre eigene Tätigkeit überprüften, und zwar in eigenem Auftrag, in eigener Verantwortung, mit eigener Datenhoheit und mit eigenem Qualitätsehrgeiz.

Selbstevaluation sei eben nicht ausgerichtet auf die direkte Konkurrenz mit anderen Schulen, auf die Selbstinszenierung für die Schulinspektion und auf eine objektive Messung der Schulqualität. SEIS z. B. sei also kein Selbstevaluationsverfahren, da Qualitätskriterien von außen festgelegt werden und die individuelle Interessenlage der Schule kein Qualitätskriterium sei (nicht zuletzt sei der Fragenkatalog individuell völlig unterschiedlich interpretierbar).

Abschließend wird ein eigenes Konzept vorgestellt: „Selbstevaluation mit dem Selbstbewertungskursbuch Schulqualität“, in das Ziele, Werthaltungen und Erfahrungen des Auftraggebers ebenso eingingen wie der Zusammenhang von Rahmenbedingungen und Verfahrensweisen.

Fremdbestimmte Auflagen erbringen keine neue Schulqualität

Entscheidend ist, dass Schulen selbstbestimmte Akteure ihrer Entwicklung sind und bleiben. Denn nur, was Schulen wirklich selbst wollten, versuchen sie auch umzusetzen. Fremdbestimmte Auflagen werden keine neue Schulqualität erbringen, da Kollegien versuchen werden, diese auszusitzen und aufzuweichen, ob berechtigt oder nicht. Und das sei nicht irgendwie eine böse Absicht von Lehrern/innen, sondern das besage eine Binsenweisheit systemischer Denkweise in Bezug auf die Entwicklungsfähigkeit von Organisationen.

Alle Referenten bekommen viel Zustimmung und Beifall. Wenngleich die Fülle der gelieferten Informationen die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Zuhörer vielleicht überstrapazierte, wurde auf den Punkt gebracht, was Lehrkräfte vermissen, nämlich: dass man ihnen vertraut und ihnen etwas zutraut, gerade innerhalb des Konzepts der Eigenverantwortlichen Schule.

 

 

 

   
   
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