| |
|
Aktuelle Informationen
GEW-Fachgruppe Gymnasien
Schuster bleib bei deinen Leisten!
oder: Warum weniger Abiturienten für Niedersachsen ein Erfolg sein sollen
„In Niedersachsen sinkt der Anteil der Abiturienten“, meldete die Hannoversche Allgemeine im Januar und ergänzte an nächsten Tag, „viele Schüler scheitern auf dem Weg zum Abitur.“ Hintergrund der Meldung war die Auswertung der Bildungsabschlüsse des Jahres 2008 durch den Landesbetrieb für Statistik: Statt 30 Prozent Abiturienten/innen im Jahre 2007 erreichten 2008 in Niedersachsen nur noch 27,7 Prozent des Jahrgangs die allgemeine Hochschulreife. Dagegen stieg bundesweit die Quote im gleichen Zeitraum von 31 auf 31,7 Prozent. Der Abstand Niedersachsens zum Bundesdurchschnitt stieg binnen eines Jahres von 3,3 auf 12,6 Prozentpunkte. Während die Hannoversche Allgemeine von einem „Weckruf“ sprach, vermutete das Kultusministerium eine „möglicherweise nur kurzfristige Verlagerung“ und spekulierte darüber, dass „viele Realschüler einen lukrativen Job in der Wirtschaft“ vorzögen. Angesichts der Lage auf dem Lehrstellenmarkt im Jahre 2005 eine zynische Interpretation.
Der Rückgang der Abiturientenzahlen in Niedersachsen 2008 ist weder überraschend noch unerklärlich, er war zu erwarten. Unter der Überschrift „Qualitätsoberstufe“ wurde eine Reihe von Verschärfungen eingeführt, so dass man annehmen kann, dass der Effekt sogar gewollt war.
Neue Oberstufenverordnung mit Folgen
Das Abitur fand im Jahre 2008 erstmals nach der vollständig veränderten Oberstufenverordnung von 2005 statt. Seitdem werden Schüler/innen nicht mehr in vier Fächern im Abitur geprüft, wie es nach allen vorhergehenden Verordnungen der Fall war, sondern sie müssen sich auf die Prüfung in fünf Fächern vorbereiten. Selbst vor der Einführung der Reformierten Oberstufe 1974 erfolgten schriftliche Abiturprüfungen nur in drei Fächern (entweder Englisch, 2. Fremdsprache, Deutsch oder Mathematik, Physik, Deutsch), während im 4. Fach (Mathematik oder Fremdsprache) die Prüfung als Vorabitur am Ende des 12. Jahrganges erfolgte, womit das Fach auch abgeschlossen war.
Von den fünf Prüfungsfächern, die es seit dem Abitur 2008 erstmals gibt, sind jetzt drei auf „erhöhtem Niveau“ (Leistungskurse) zu belegen, wobei die Wahlmöglichkeiten durch vorgegebene Fächerkombinationen („Schwerpunkte“) drastisch eingeschränkt wurden.
Durch die erhöhten Gesamtverpflichtungen stieg die durchschnittliche Stundenzahl der Schüler/innen in den letzten beiden Schuljahren von 30 auf 34 Wochenstunden. Dafür bekamen die Schulen zunächst nur 31,7 Lehrerwochenstunden (ab 2009: 32,3 Stunden. 2010: 33,3 Stunden) zugeteilt, 34 sollen es erst nach 2011 werden - vielleicht. Die Stundenerhöhung mit der Einführung der sog. Qualitätsoberstufe hat die Schüler/innen in vielen Fällen überfordert, weil sie aus einem System von Halbtagsschulen über Nacht Ganztagsschulen machte - in aller Regel ohne entsprechende Mittagsangebote und Ganztagskonzepte. Trotzdem haben die Oberstufenschüler seit 2006 an mindestens drei Tagen Nachmittagsunterricht - anders wäre das Pensum mit drei Leistungskursen auch gar nicht zu schaffen.
Hinzu kam eine drastische Verschärfung der Zulassungsbedingungen, von 28 Pflichtkursen durften nur noch vier mit nicht „voll ausreichenden“ Leistungen (= 05 Punkte) in die Abiturbewertung eingebracht werden, vorher waren theoretisch bis zu acht solcher „Unterkurse“ möglich. Ein Schüler mit nicht voll ausreichenden Leistungen in einem Fach - das kein Prüfungsfach sein muss - hat also bereits mit vier Unterkursen zu rechnen, jede auch noch so geringe weitere Schwäche hat seit 2006 bereits die Nicht-Zulassung zur Abiturprüfung zur Folge.
Daher haben vom Abiturjahrgang 2008 wesentlich mehr Schüler/innen ihre schulische Ausbildung vorzeitig abgebrochen. In diesem Jahrgang haben an vielen Schulen mehr Schüler/innen den 12. Jahrgang wiederholt, sind also sitzen geblieben. Zahlen darüber erhebt das Ministerium aber nicht. Trotzdem war die Entwicklung der Schulbehörde hinlänglich bekannt. Und diese Entwicklung setzt sich offensichtlich fort: die Zahl der Schüler/innen des Doppeljahrgangs, die jetzt die Wiederholung des Jahrgangs beantragen, ist bereits recht hoch.
Dadurch, dass nun viele den höheren, weitgehend formalen Leistungsanforderungen nicht gewachsene Schüler/innen vorzeitig „ausgesiebt“ wurden, verringerte sich auch die Zahl derer, die erst in der Abiturprüfung scheiterten. Aber auch der Notendurchschnitt hat sich durch dieses Bündel an Maßnahmen an vielen Schulen deutlich erhöht - wer zu viel nebenbei arbeiten musste, um seine Eltern beim Kauf der Schülermonatskarte, bei der Anschaffung der Oberstufenbücher oder beim Taschengeld zu entlasten, wer zu viele Freizeitbedürfnisse hatte oder in zu vielen (Sport-)Vereinen aktiv war, der ist eben nicht mehr dabei. So steigt der Durchschnitt und nebenbei auch nochmal die soziale Auslese - was dann als Erfolg verkauft wird.
Die Wirkung der Oberstufenreform von 2005 ist den Vertretern des Ministeriums und der Regierungskoalition von vielen Kolleginnen und Kollegen angekündigt worden - sie war für Praktiker absehbar. Unser Rat war allerdings nicht gefragt.
Verstärkte soziale Auslese
Die Summe der Verschärfungen seit Antritt der schwarz-gelben Landesregierung 2003 lässt eine bildungspolitische Linie erkennen: Studiengebühren, Erhöhung der Zahl der Prüfungsfächer im Abitur bei gleichzeitiger Absenkung der Zahl der „Unterkurse“, Ausschluss vieler Fächerkombinationen durch Einführung der Schwerpunktbildung. Die Einführung des „Turboabiturs“ (G 8) ist vor diesem Hintergrund die Krönung der Verschärfungen. Schon jetzt vergeht keine Tagung mit Vertretern des Kultusministeriums, in denen diese nicht betonen, dass G 8 ein Erfolg werden müsse und man kein Interesse an einem Misserfolg habe. Als Mittel wird dann augenzwinkernd dargestellt, dass bei den Abiturthemen natürlich auf die veränderten Bedingungen Rücksicht genommen werden müsse - Niveauabsenkung als Ergebnis der „Qualitätsoberstufe“, um die Zahl der Scheiternden in Grenzen zu halten?
Das jetzige Bildungssystem sei falsch und passe „nicht mehr in unsere Zeit“. „Dieser alte bildungspolitische Ansatz, wonach es drei Grundtypen gibt - den handwerklich Begabten mit wenig Intellekt für die Hauptschule, den mäßig handwerklich Begabten mit mehr Intellekt, der auf die Realschule geht, und den wenig handwerklich begabten, aber dafür sehr intelligenten Schüler, der Abitur macht - diese Dreiteilung ist Ausdruck veralteten, ständischen Denkens.“ So argumentiert nicht die Opposition in Niedersachsen, sondern der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (taz 02.02.2010).
Das Turboabitur ist aber ein weiterer Schritt, um neben dem Vermögen (Erbschaftssteuerreform) auch den Zugang zu Bildung in Deutschland wieder von der sozialen Herkunft abhängig zu machen. Die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hat Ende April festgestellt, dass weiterhin 59 Prozent der Studenten/innen aus gehobenen oder besonders begüterten Schichten komme. Die Verkürzung der Gymnasialzeit führt nicht nur dazu, dass noch weniger Realschüler/innen den Schritt an die gymnasiale Oberstufe wagen, es mehren sich auch die Meldungen, dass „schwächere“ Gymnasiasten/innen, die sich G 8 nicht gewachsen fühlen, nach der 9. Klasse oder - unter Wiederholung der Einführungsphase - nach der 10. Klasse in die Fachgymnasien wechseln, um dort weiterhin nach 13 Jahren Abitur zu machen. Da diese aber häufig eine feste Aufnahmequote haben, also - im Gegensatz zu den Oberstufen der Gymnasien - nicht alle Zugangsberechtigten aufnehmen müssen, setzt dieses einen weiteren Verdrängungsprozess zu Lasten von Real- und Hauptschülern/innen mit einem Erweiterten Sekundarabschluss I in Gang. Schon ein Jahr nach der Einführung der Studiengebühren titelte die Tageszeitung anhand der zunehmenden Zahl der Bewerber/innen ohne Lehrstelle: „Die ersten Verlierer der Studiengebühren: die Hauptschüler!“
„Schuster bleib bei deinen Leisten“ ist in Niedersachsen wieder zum Leitmotiv der Bildungspolitik geworden. Die Ergebnisse von PISA und DSW zum engen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Erfolg im deutschen Bildungssystem belegen dies. Dass die Ausgrenzungspolitik im Bildungssystem reaktionär ist, hat nun auch Ole von Beust erkannt - zurzeit besteht wenig Aussicht, dass sich diese Erkenntnis auch nach Niedersachsen herumspricht.
Siehe auch: Daten zur Abiturientenquote-Quote
|
|
|
 |
|