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Artikel - Jahrgänge 5 / 6


September 2004
Werner Fink, FG Gym, 20.09.2004

Methodenlernen in 5/6



Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Fachgruppe Gymnasium der GEW-Niedersachsen hat sich in letzter Zeit bemüht mit workshops und der Veröffentlichung von "Bausteinen" für eine veränderte Lernkultur einzutreten. Wir begannen mit einem Problemaufriss "15 Bausteine für die Jahrgänge 5/6" (BG, Februar 2004), setzten fort mit der konkreten Beschreibung einer "Eingangsphase für die Jahrgänge 5 und 6" (BG, Juni 2004) und wollen nun mit einer Auseinandersetzung zum so genannten "Methodenlernen" beginnen. Durch Konzepte des "Methodenlernens" wurde deutlich, dass Schule eine defizitäre Lernkultur hat, die verändert werden muss. Am bekanntesten ist wohl das Konzept Klipperts . In der Praxis orientiert man sich gern am Konzept der Realschule Enger . Vielleicht beinhaltet das Konzept "Enger" auch gerade das, was LehrerInnen leisten können und was die jetzigen Rahmenbedingungen ermöglichen. "Enger" und "Enger"-ähliche Konzepte liegen kleingearbeitet vor und brauchen an dieser Stelle nicht reproduziert werden. Wir wollen allerdings die Diskussion weitertreiben, formulieren deshalb eine handlungsrelevante Kritik und entwickeln einen neuen Baustein: Checkliste zu Arbeits-/Methodentage.
Es sei noch einmal gesagt, dass wir uns bewusst darüber sind, dass wir mit unseren Vorschlägen zur Verbesserung der gymnasialen Lernkultur die jetzige Schulstruktur stärken; und wir wissen, dass Schulen auf der Basis unserer Veröffentlichungen diskutieren. Es ist immer wieder mit zu bedenken, dass wir SchülerInnen gegenüber hier und jetzt Verantwortung tragen. Zugleich aber müssen wir für eine Aufhebung des dreigliedrigen Schulsystems weiterhin eintreten.
Man nehme das Buch der Realschule Enger "Bausteine für eigenständiges Lernen", erweitere um einige weitere Zugaben (2,4) mische das Ganze, zerplittere in Häppchen für Methodentage, richte Wiederholungen ein und stelle Verbindungen her zum Fachunterricht. Wird das Ganze auch noch abgetestet und evaluiert, entsteht der neue Schüler, die neue Schülerin: PISA gewachsen und ertüchtigt für lebenslanges Lernen!
Methodenlernen: der Zauberweg, der in die Irre führt?
(Bausteine für Jg. 5./6.: Teil III)
1. Den Vorstellungen vom "Methodenlernen/-training" wurde schon immer entgegnet, dass die Methode nicht vom Inhalt zu trennen sei, eine alte didaktische Binsenweisheit, die auch motivationale Aspekte berührt. Gerade in der modernen Wissensgesellschaft ist es weiterhin sinnvoll, genau zu fragen, wie mathematisch/naturwissenschaftliche Orientierungen, wie gesellschaftlich/politische Orientierungen, wie ästhetisch/expressive Orientierungen und wie philosophisch/religiöse Orientierungen für SchülerInnen gegeben werden können und welche Selbstkompetenzen sie erwerben sollen. Dabei ist festzuhalten, dass SchülerInnen quer zu den oben angeführten Bereichen Sensibilitäten entwickeln sollten, die ökonomisch/ökologische Dimensionen und Gerechtigkeits-, Freiheits- und Gleichheitsdimensionen berühren. Methoden sind also kein Selbstzweck, sondern sollten immer im Zusammenhang mit den angedeuteten übergeordneten Zielen entwickelt werden.
2. LehrerInnen wissen, was viele wissenschaftliche Untersuchungen noch einmal belegt haben: die Unterschicht ist am Gymnasium unterrepräsentiert, mehr Mädchen als Jungen machen Abitur und Kinder, die in besonderen Ausländermilieus leben, sind besonders benachteiligt. Auch hier werden wir, wenn sich denn etwas verbessern soll, bei den "Methodenlehrern" nicht fündig.
Allgemeiner: Methodenkompetenz hilft nicht bei individuellen Lernschwierigkeiten. Das vielbeschworene Fördern auf der Basis einer individuellen Diagnose erfordert die persönliche Beratung der Betroffenen im Rahmen einer vertrauensvollen Lehrer-Schüler-Beziehung.
3. Schulisches Lehren und Lernen ist heute schwer. SchülerInnen haben sich auch am Gymnasium so verändert, dass die Bedingungen des Lernens im Unterricht immer erst hergestellt werden müssen. LehrerInnen klagen z.B. darüber, dass SchülerInnen ein anderes Lern- und Sozialverhalten zeigen als früher (Disziplin und Konzentrationsschwierigkeiten); Schwierigkeiten haben eine stabile Identität aufzubauen (schichtenspezifische Ausdifferenzierungen?); sich scheuen, Verantwortung für sich selbst, für andere und für die Gesellschaft zu empfinden und zu übernehmen; die Emanzipation des Individuums häufig missverstehen als Ausleben von grenzenlosem Individualismus.
Die vorgelegten Materialien der "Methodenlehrer" helfen bei diesen Problemen nicht weiter. Klassen entwickeln sich unterschiedlich und zeigen sehr individuelle Problemlagen. Diese zu erkennen und gezielt reagieren zu können, erscheint sinnvoll. Ansätze des sozialen Lernens, der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und der Gewaltprävention müssen verstärkt aufgenommen werden.
4. Die Gefahr bei strikter Übernahme der Bausteine der "Methodenlehrer" besteht darin, dass mechanistisch die Arbeitsangebote angewendet werden. Methodentage werden anberaumt, an denen offensichtlich im Gleichschritt aller Klassen Gleiches zum gleichen Zeitpunkt gelernt werden soll. Vorhandene Arbeitsblätter könnten ausgegeben und abgehakt werden. Z.B. könnte das Thema "Hausaufgaben" festgelegt sein, obwohl es da im Moment gar keinen Handlungsbedarf gibt. Vielleicht gibt es stattdessen gerade Konflikte in der Klasse. Konfliktregulierung ist zu dem Zeitpunkt aber nicht vorgesehen. Der jeweilige Problempegel, aber auch Positivpegel einer Klasse bleibt unberücksichtigt. Klassen sollten sich aber entsprechend ihrer Entwicklung einen eigenen Lernrhythmus geben können. "Methodenlernen", bei "Enger" u. A. , lehrerzentriert/top-down organisiert, führt in einen zentralen Widerspruch, denn: SchülerInnen sollen gleichzeitig in ihrer Subjektrolle gestärkt und umfassend kompetent werden. Das erfordert aber, die Methodenschulung mit Verfahrensweisen zu verbinden, die das Ziel beachten, SchülerInnen zu sozialen, selbstständigen, selbstorganisierten und selbstbewussten jungen Menschen werden zu lassen. Es muss genau überlegt werden, wie Selbstkompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz und Fachkompetenz miteinander verbunden werden können.
5. Da Lernprozesse widersprüchlich und nicht linear (auch mögliche Rückschritte gehören zu Lernprozessen) verlaufen, können Methodentage lediglich einführen oder verstärken, sie sind Teil eines fortlaufenden Unterrichtsprozesses. Methodentage als "isolierte Inseln" bleiben wirkungslos.
Wir sollten -bei aller Kritik- davon ausgehen, dass das Anliegen Arbeits-/ Methodentage durchzuführen, an denen die herkömmliche Stundenabfolge durchbrochen wird, unbestritten ist. Zu wünschen ist, quergelegt zu den vorherigen Ausführungen, dass gut organisierte Arbeits-/Methodentage dazu beitragen können, dass SchülerInnen
· Qualität von Müll unterscheiden lernen und Lernfortschritte machen (bezogen auf "Sehen" -auch Methoden, Wissen und Gefühle gehören zum "Sehenkönnen"-, Beurteilen und Handeln)
· Freundlichkeit, Hartnäckigkeit und Zuversicht entwickeln
· Widerspruchsgeist, Durchsetzungsvermögen und Distanz entfalten
· Einhaltenkönnen, Besinnung und Entspannung erfahren
· ihre schwierige Herkunft abschütteln und dahin gelangen, wohin er/sie möchte
· Ausdauer und Beharrungsvermögen entfalten, um nicht aufzugeben; und Schmerz in Kreativität umwandeln!
"Tief hinten im Temporallappen, wo der Hippokampus wohnt, da wird das leicht gelernt, was neu und bedeutsam ist. Freiwillig lernt man am wirksamsten. Und durch Anwendung des Wissens. Die Empfindung von Schönheit schult das Gehirn. Sich zu bewegen auch. Wenn beim Lernen Emotionen beteiligt sind, lernt es sich am besten. Übung macht den Meister. Das Handeln in Gruppen schult effektiver, als es der Nürnberger Trichter vermag. Erfahrungen mit allen Sinnen zu machen, hilft der Gehirnreifung voran. (…) Ein Lehrer muss sein Fach leidenschaftlich vertreten, muss seine Schüler mögen und von ihnen geschätzt werden, damit Unterricht fruchtbar ist. Es geht aber noch einfacher. Ganz allgemein gilt Folgendes: Ein Mensch macht eine Sache gut, wenn die Sache ihm Freude macht, er den Dingen aus eigener Motivation nachgeht. Das ist keine unterkomplexe Trivialität, sondern angesichts der Sachlage die Utopie gelingenden Lernens."
Abschließend wird ein BAUSTEIN angeboten, der als (noch unvollständige) Checkliste zu verstehen ist. Die Checkliste könnte dazu beitragen, dass auf der Basis individueller schulischer Rahmenbedingungen bewusste Entscheidungen gefällt werden.
Baustein

Checkliste: Arbeits-/Methodentage

    o Wer entscheidet über Durchführung, Termine, Inhalte, Abläufe?

    o Wer führt aus und ist verantwortlich?

    o Wie viel Arbeits/Methodentage sollen wann und wie lange stattfinden?

    o Können sich Klassen/LehrerInnen einen eigenen Rhythmus und eigene Themen geben oder nicht?

    o Welche Rolle spielen: Bildung einer Klassengemeinschaft, Auseinandersetzung mit Gewalt und Mobbing, soziales Lernen, Identitätsbildung, Methodenlernen?

    o Soll ein besonderes Eingehen auf Jungen bzw. Mädchen erfolgen?

    o Soll ein besonderes Eingehen auf schwache SchülerInnen erfolgen?

    o Werden mechanistische Lernkulturen mit ihrer Methodenfolklore wirklich abgelöst durch die Hinführung zu eigenverantwortlichem Lernen? Findet selbstständiges, kreatives Handlungslernen statt?

    o Können bestimmte Fächer bestimmte Schulungen von Methoden übernehmen und damit isoliertes Methodenlernen vermeiden?
    o Kann zugleich gewährleistet werden, dass fächerübergreifendes Lernen gelingt?

    o Sollte zwischen allgemeinen Methodentagen und fächerspezifischen Methodentagen unterschieden werden?

    o Können am Ende von Klasse 6. zu erreichende Qualifikationen verbindlich festgeschrieben werden? Wenn ja, welche? Soll abgetestet werden? Wenn "ja", "wie"?

    o Sollen Formen von Feed Back und Evaluation eingeführt werden?

 


 

 

 

 

   
   
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